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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Einleitung.

maßvollen deutschen Natur in stoßweisen Entladungen, oft angesammeltdurch die noch keineswegs überwundene urgermanische Trinksucht, einfurchtbarer Jähzorn hervor, eine berserkerhaft sinnlose Lust an Schlägereiund Zerstörung, das Erbtheil waldnrsprüuglicher Wildheit. Und hartdaneben steht wieder die sinnigste Gemüthlichkeit, das mitleidvolle Er-barmen, die vorsorgliche Theilnahme für das Unglück, für den Fremden,für das Thier, für die Opfer des Lasters und Berbrechens sogar.Endlich berühren sich im deutschen Bolkscharakter auch die Gegensätzedes Ernstes und der Heiterkeit. Vorwiegend ist der Deutsche ernst, oftverschlossen, nicht selten ängstlich und schwermüthig. Und doch, wie kanner offen, mittheilsam, keck, fröhlich, lustig sein! Seine verständnißvollcFreude an der Natur theilt der Deutsche mit allen Sprößlingen dergermanischen Völkerfamilie, aber nur er weiß so recht, was die FreudeanWeib, Wein und Gesang" zu bedeuten hat.

Summa: Wo viel Licht, da ist auch viel Schatten. Nur erbärm-liche Höflinge der nrtheilslosen Menge mögen derselben weismachenwollen, das deutsche Volksthum sei ein Inbegriff aller Tugenden. Weroffenen Auges und Ohres unter den Klassen, welche man vorzugsweisedasVolk" zu nennen pflegt, gelebt hat, wird, was ältere Idyllikernur neuere Dorfnovellisten von der Wahrhaftigkeit und Gutmüthigkeit,von der Redlichkeit, Treue und Ehrsamkeit desVolkes" zn singen undzu sagen wissen, nur mit Spottlächelu anhören. Sckiöne und schönsteBlüthen des deutschen Geistes, edle und edelste Früchte der deutschenSitte sprossen und reifen nur im Umkreise der deutschen Bildung. Wasdeutsche Bolksrohheit und Massengeinemheit vor der englischen, fran-zösischen, italischen und russischen voraushaben sollte, vermag nur Un-, verstand oder Selbstbetrug anzugeben. Wenn vor Zeiten der KardinalGranvella das Volk schlechtweg eineboshafte Bestie" genannt hat, sowar das eine pfäffische Abscheulichkeit, keine Frage. Aber wenn, wie inunseren Tagen häufig geschieht, in deutschen Landen grüne PhantastendasVolk" als dasimmer gutmüthige" lobpreisen und beschmeicheln,so wird der denkende und erfahrene Mann diese'Faselei als das werthen,was sie ist.

Nach diesen einleitenden Bemerkungen beginne ich sofort meine Er-zählung. Möge das bisher Gesagte darthun, daß sie, wenn auch fest indem Gefühle des Vaterlandes wurzelnd, dennoch eine unbefangene sein wird.

Die Uebersichtlichkeit des Ganzen zu erleichtern, adoptire ich dieherkömmliche Eintheilung der deutschen Geschichte in drei Zeiträume:Mittelalter, Reformationszeit, neue Zeit. Die erstePeriode charakterisier ich näher als die katholisch-romantische,die zweite als die protestantisch - theolo gische, die dritte als diemenschlich-freie Zeit. Die Darstellung der Vorzeit möchte ich