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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Buch I, Kap. 1.

artige Lebensbedingungen häufig sie hervorbringen, entsprach die sozialeGliederung der Adighö-Stämme des Kankausus, bevor dieselben von denRussen bejocht nnd vernichtet oder aus ihrer Heimat getrieben wurden,merkwürdig genau dem germanischen Gesellschaftorganismus der späterenBorzeit. Die vier dortigen Stände oder Klassen der Pschis (Häuptlinge),Usden (Edelleute), Tschfokolts (Hörige) und Pschilt (Sklaven) warenanalog den Mobiles, InAonni, Inti und 8ervi unseres germanischenKastenwesens.

Des deutschen Volkes Ursprung verliert sich in jene Märchenferneder Zeiten, deren Geheimnisse die rastlose Forschung unserer Tage zudurchdringen sich abmüht, aber noch lange nicht zu einer allseitig klarenLösung gebracht hat. Außerordentlich wirksame Dienste hat in Auf-hellung vorzeitlicher Finsternisse bekanntlich die vergleichende Sprach-knnde geleistet nnd ihren Nachweisungen insbesondere verdanken wir es,daß Herkommen und Urheimat der Germanen aus mythischem Dunkelallmälig in die geschichtliche Dämmerhelle herübertraten. Die Deutschen sind ein Zweig der großen indogermanischen Völkcrfamilie, welchedie Ost-Arier (Inder) und die West-Arier (Iraner), ferner die Hellenenund Jtaliker, endlich Slaven , Kelten nnd Germanen umfaßt. Dorthinalso, von wo der große Strom der arischen Familie ausgegangen, müssenwir unserer Väter Ursitz verlegen, auf die mittelasiatische Hochebene, überwelche der Paropamisos oder Hindnkusch emporsteigt, aus ewigen Schnee-lagern den Indus gen Süden, den Oxns gen Norden entsendend.Kaukasischer Rasse ist unser Volk demnach und alpenhafter Urheimat.Der Sprache Wurzelgcmeinschaft, der Weltanschauung idealistischerGrundton, vielfache Uebereinstimmungen in Religion nnd Sitte, be-zeugen laut die arische Verwandtschaft. Bedeutsam auch weisen auf siezurück die Einklänge altindischer nnd altdeutscher Heldensage, insbesonderedie Analogie zwischen dem indischen Heros Karna nnd dem deutschenHelden Sigfrid.

Wann der germanische Sprößling vom arischen sich abgezweigt,wann unsere Ahnen aus dem arischen Urlande lUrzmim vnöckickm) ausund enropawärts gezogen, ist bis bis jetzt mit Bestimmtheit zu ermittelnnicht gelungen; doch aber mit einiger Wahrscheinlichkeit. Die Trennungder Germanen von der großen arischen Familie scheint stattgefunden zuhaben, bevor die Arier vom nomadischen Hirtenleben zu seßhaftem Acker-bau übergingen. Diese Annahme stützt sich auf die deutliche Ueberein-stimmung des Sanskrit und des Deutschen in Sprachformen, welche aufdie Viehzucht sich beziehen (;. B. sanskritisch uxan, deutsch Ochses. N>, d. Kuh s. vni'ülm , althochd. bnrnoll, Schwein s. I1NN8L,d. Gans s. nvis, althochd. onrvi, Mutterschaf, u. a. m.) Wogegender Faden sprachlicher Uebereinstimmung reißt, sowie mau von den hirt-