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Buch I, Kap. i.
Die Germanen scheinen aus ihren asiatischen Ursitzen zuerst nachSkandinavien gezogen zu sein, in dessen Abgeschlossenheit altgcrmauischesWesen länger und reiner sich erhielt als im eigentlichen Deutschland ,welches letztere ein Theil des Volkes mit gewaltsamer Westwärtsdrängungder Kellen später von Skandinavien aus in Besitz nahm. Um welcheZeit das Vorrücken der Germanen von Norden nach Süden stattgehabt,darüber gibt weder Sage noch Geschichte Auskunft. Vielleicht ist derAlpenübergang der Kimbern und Teutonen, welcher hundert Jahre vorChristi Geburt geschah, als eine Folge deö drängenden Lebens zu be-trachten, womit dasallmäligeSüdwärtsrücken der Germanen die deutschen Wälder erfüllen mochte. Mit diesem berühmten Zuge zweier deutscher Volksstämme traten die Germanen zuerst auf die Bühne der Weltgeschichte.Zwar wandte des Manns Feldherrngenie und der römischen LegionenDisciplin den bedrohlichen Anfall der Nordländer diesmal noch vonItalien ab, aber das Unternehmen der Kimbern und Teutonen war nurein verfrühtes, gleichsam ein prophetisches Vorspiel der furchtbaren Heim-suchung , welche die Germanen später über Rom bringen sollten. Denk-würdig ist übrigens, daß schon unserer Altvorderen erster Auftritt auf derWeltgeschichtebühne, der kimbrisch-teutonische Wanderzug, durch einenGrundmangel deutschen Wesens gekennzeichnet wurde: durch den Mangelan politischem Verstand, Schick und Takt. Urahn Michel debütirte alstapferer Tölpel.
Die Geschichte Roms war damals die der Welt. Unserer Vorfahrenerstes Auftreten lnldete zu einer verhängnißvollen Zeit eine Episode derrömischen Geschichte. Wüthende Parteikämpfe erschütterten das riesen-hafte Gebäude, welches römische Kriegs- und Staatskunst errichtet hatte,bis in seine Grundfesten. Schon wurde nicht mehr um Republikoder Monarchie gckämpft, sondern nur noch um den Besitz der Allein-herrschaft. Manns und Sulla übten dieselbe nacheinander in brutalsterWeise. Der große Sklavenkrieg (73 — 71 v. Chr.) und die Ver-schwörung Katilina's (63 v. Chr.) legten die inneren Schäden des Staatesin erschreckender Weise bloß und die Geschichte der beiden Triumviratezeigt unwiderlegbar, daß eine freie Staatsform nur gedeihen könne aufdem Boden sittlicher Reinheit und hochsinniger Vaterlandsliebe unddaß namentlich eine Republik undenkbar sei ohne die Voraussetzungrepublikanischer Bürgertugend. Nach Ueberwindung seines NebenbuhlersPompcjus (48 v. Chr.) gründete Julius Cäsar das cäsarische Regiment.Die Ermordung des genialen Mannes durch die republikanischen Aristo-kraten vermochte den gänzlichen Untergang römischer Freiheit nicht auf-zuhalten. Der Sieg, welchen die Mitglieder des zweiten Triumvirats inder Ebene Vvn Philippi über Brutus und Kassius erfochten (42 v. Chr.),entschied zu Gunsten der Monarchie, der imperatorischen Gewalt, die der
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