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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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19
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Die Vorzeit.

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schlaue Oktavianus, nachdem er sich mittels des Seesiegs bei Aktium seinesMitbewerbers Antonios entledigt hatte, dauerhaft feststellte. Der TitelAugustus, welchen er sich geben ließ, beurkundete deutlich genug, daß diehöchste Macht über die römische Welt fortan bei einem Einzelnen sei.Der neue Kaiser adoptirte für seine monarchische Politik ein wichtigesMoment der republikanischen Staatsidee Roms, den Grundsatz, der alt-römischen Ausbreitungs- und Eroberungsluft unausgesetzt Genüge zuthun. Großartige Erwerbungen nach außen sollten die Römer die Ein-buße der innern Freiheit vergessen machen und diese Eroberungspolitiknun brachte den römischen Staat auch mit den Bewohnern Germaniensin nähere Berührung. Schon Cäsar hatte während seiner Statthalter-schaft in Gallien Pläne gegen Deutschland entworfen und mittels wie-derholter Rheinübergänge auszuführen begonnen. Die Feldherren desAugustus nahmen die Entwürfe Cäsars auf und die Römer faßten imSüden und Westen unseres Landes festen Fuß, mit der gleichen Beharrlich-keit und dem nämlichen Kolonisationstalent auch hier auftretend, womit siein den kolchischen Wäldern, im Nilschlamm Aegyptens , in den WüstenNumidiens, auf den Küsten Spaniens und in den Druidenhainen Galliens die römischen Adler siegreich aufgepflanzt hatten. Ähren kriegerischen Trium-phen in Deutschland kam die Ueberlegenheit zu Hilfe, welche die Civilisa-tion gegenüber der Ganz- oder Halbbarbarei stets behauptet. Das römischeWesen machte in Germanien so rasche Borschritte, daß es den Anscheingewann, das ganze weite Land unserer Vorfahren müßte ihm anheimfallen.Die Axt römischer Kultur begann die germanischen Urwälder zu lichten.Heerstraßen wurden durch Sümpfe und undurchdringliche Forste gezogen,um die römischen Niederlassungen untereinander zu verbinden befestigteStandquartiere (eustrs, Kastelle) und Wartthürme errichtet, über Bergund Thal setzende Walllinicn aufgeworfen, Städte angelegt, römischeVerwaltung, römische Justiz, römische Sprache eingeführt. Feilheit undunpatriotische Gesinnung deutscher Häuptlinge erleichterte das Werk derEroberung. Germanische Große traten in Bundesgenossenschaft mit denEroberern und halfen als Vasallen der Römer das Joch derselben weiterhineintragen in die Ganen des Vaterlandes, die Söhne der angesehenstenFamilien nahmen römische Kriegsdienste und betrachteten die Erwerbungdes römischen Bürgerrechtes und der römischen Ritterwürde als ein glän-zendes Ziel des Ehrgeizes, kurz, die Unterwerfung des Germanentumsunter das Römerthum schien auf bestem Wege zu sein. Allein die Römerhatten in ihrer Rechnung einen bedeutsamen Posten vergessen, den stolzenUnabhängigkeitstrieb, welcher ein so «kräftiges Volk, wie die Germanenwaren, beseelen mußte, und die deutsche Vorliebe für das Gewohnte undHergebrachte. An der letztern vielleicht mehr noch als an dem ersterenscheiterten sie. Die Germanen empörten sich gegen die gewaltsame, in

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