20
Buch I, Kap. 1.
einzelnen Fällen auch mit Härte und Grausamkeit verbundene Verdrängungihrer Sprache, ihrer Sitten und Einrichtungen, wie die Römer sie ver-suchten, und diese Empörung fand einen geschickten Nährer und Führer inArmin (Hermann), dem Sohne Segimcrs, welcher einem Theile desStammes der Cherusker als Häuptling (Edeling, Adaling) vorstand. Eslebte und wirkte in Armin unstreitig ein großer nationaler Gedanke, mittelsdessen er die einzelnen deutschen Bolksstämme zu einem wuchtigen Schlaggegen das Römerthum zu verbinden wußte. Durch den berühmten Sieg,welchen er an der Spitze der verbündeten Germanen im teutoburgerWalde über drei Legionen römischer Kerntruppen unter Varus erfocht<9 n. Chr.), sowie durch seine spätere geschickte Kriegführung gegen dieRömer unter Germanikus (15—17 n. Chr.) ward er der Retter unserernationalen Existenz. Ein Geist, wie der seinige, mußte das Grundübel,woran Deutschland von Uralters her krankt, wohl erkennen. Was vereintedeutsche Kraft vermag, hatten ihn seine Siege gelehrt und deßhalb unter-nahm er es, sein Volk, nachdem er dessen Selbstständigkeit gerettet, ausdem Zustande der Zerrissenheit und Zersplitterung heraus und zurnationalen Einheit zu führen. Der Idee der deutschen Einheit hat esbis auf unsere Tage herab nie an Aposteln und — Märtyrern gefehlt.Hermann eröffnete die Reihe derselben. Er fiel, von seinen Verwandtenmeuchlings erschlagen, der Selbstsucht der deutschen Fürsten zum Opfer.Sie hatten seinen großen Gedanken nicht würdigen können oder wollenund ihr gemeiner Neid barg seine bösen Anschläge hinter der Anklage,der Römerbesieger strebe nach despotischer Alleinherrschaft in Germanien .Schon damals also erhoben die deutschen Großen jenes Geschrei von Be-drohung der deutschen Freiheit, welches sie auch später jederzeit anstimm-ten, wann es galt, ihre dynastischen Souderinteressen der Einheit desVaterlandes zu opfern.
Der Widerstand, den die Römer durch Armin erfahren, war übrigensvon nachhaltiger Wirkung, welche durch die Freihcitskämpfe der nieder-rheinischen Völkerschaften unter der Führung des Civilis (69—71 n.Chr. ) noch erhöht wurde. Seitdem war au die Unterwerfung des ganzenDeutschlands nicht mehr zu denken, obwohl die Römer in den südlichenund westlichen Gränzmarken die ganze Kaiserzeit hindurch den alten Ruhmihrer Waffen aufrecht zu halten suchten. Die Siege, welche Julian zuAnfang der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts über die Alemannenund Franken davontrug, machen eine der letzten glänzenden Waffenthatcndes sinkenden Römcrreichs aus. Von jetzt an gestaltet sich das Verhältnißder beiden Nationen völlig um. Aus Angegriffenen werden die GermanenAngreifer, und wie sie, von ihrer angestammten unbändigen Wanderlustaufs neue ergriffen, erobernd die südlichen Abhänge der Alpen hinab-steigen, sinkt vor ihren ehernen Tritten das alte Römerthum in raschem