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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Buch l, Kap. 1.

Die Schriftsteller der Alten stimmen darin iiberein, daß sie in denGermanen ein Volk von hoher Eigenthümlichkeit in physischer und mora-lischer Beziehung anerkennen. Tacitus insbesondere preist sie als eine unvermischte, nur sich selbst ähnliche" Nation (proprmm et iünvernmet tnntum sni mmilLM Muten, exstitisse). Ein hoher und muskelkräf-tiger Wuchs, Stärke und Rüstigkeit der Glieder, feuriges Blau derAugen, röthliches Blond der Haare, eine franke freie Haltung galten alscharakteristische Kennzeichen der germanischen Nasse; nicht minder Wundenund Tod verachtende Tapferkeit, ein bis zur Wuth sich steigernder Streit-muth, der den Römern unter dem Namen dest'uwr tontouious" langeZeit hindurch Schrecken einflößte. In seinem Berichte von den Kämpfenmit Ariovist gibt Cäsar eine höchst anziehende Schilderung von demGranen, welches die Römer bei ihrem ersten feindlichen Zusammen-treffen mit den Deutschen empfanden, und noch in unseren Tagen hat beiden Italienern dieses Granen vor dendeutschen Eisenherzen (vuvri ckiterru)" verhänguißvolle Wirkung gethan. Bei sehr mangelhafter Be-waffnung denn unseren Mtvvrderen waren die Künste des Bergbauesund der Schwertfegeresse unbekannt wußten sie doch durch die unwider-stehliche Gewalt ihres Anstürmens die römischen Legionen niederzuwerfen.Ihre Hauptwaffen waren Pfeile und Spieße, letztere, Framen genannt,mit schmaler und kurzer Eisenspitze versehen, zur Wehr von nah undfern gleich geeignet. Nur mit dem leichten Kriegsmantel bekleidet, seltenmit Panzer und Helm versehen, gingen diese gegen Frost und Unwetterabgehärteten, dem Hunger und der Ermüdung trotzenden Männer in dieSchlacht. Ihre Hanptstärke bestand im Fußvolke, doch kannten undübten sie auch den Gebrauch der Reiterei. Ihre Schlachtordnung stelltensie in Keilrotten auf. Flucht beschimpfte und die Znrücklassung desSchildes machte geradezu ehrlos. Waffen waren des freien MannesKennzeichen, Schmuck und Stolz; sie anzulegen war Keinem gestattet, be-vor die Gemeinde ihn wehrhaft erklärt hatte. Die Wehrhaftmachung derJünglinge mit Schild und Frame geschah in voller Versammlung derGemeinde, in welcher sie erst durch diesen Akt Sitz und Stimme erhielten.Den Oberbefehl im Kriege verlieh nicht die Geburt, sondern vorragendeTapferkeit. Wer den Anführer überlebend aus der Schlacht zurückkehrte,war entehrt auf Lebenslang. Durch Vertheilnng der Bente, durch Ge-schenke von Rossen und Waffen, durch reichliche Bewirthuug knüpfte derHäuptling sein kriegerisches Gefolge fester an sich. Die Mittel zn solchemAufwand lieferten Krieg und Raub und daher auch die unersättlicheKriegslust der Anführer und Gefolgschaften. Außer dem Kriege wurdeeinzig und allein noch die Jagd als ein freier Männer würdiges Geschäftangesehen. Die Zeit, welche sie nicht mit Jagd und Krieg ausfüllten,verbrachten sie in träger Ruhe oder mit Zechgelagen, welche die beiden