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Buch III, Kap. 1.
-Jakob II. aus dem Lande trieb. Ein Prinz germanischen Stammes,Wilhelm von Oranien , welcher als Lenker der holländischen Republik den-Germanismus schon auf dem Festlande mit Energie gegen Ludwigs Ro-manismus vertheidigt hatte, bestieg den Thron desJnselreiches und seinemeisterhafte Politik war eS, welche dem romanisch-despotischen Prinzipzuerst wieder Stillstand gebot. Wilhelm ist der eigentliche Urheber jenesSystems des politischen Gleichgewichts von Europa , über welches seinAuge, bis es sich im Tode schloß, mit nie zu täuschender Aufmerksamkeitwachte. Als integrirender Theil dieses Systems wußte das germanischePrinzip dem romanischen Achtung abzutrotzen und bald machte sich seinEinfluß auf dem Festlande auch noch anderweitig fühlbar. Im Schutzeder englischen Berfassung nämlich wuchs jener antiromanische Skepti-cismus auf, jene Freidenkerschaft, welche, unter dem Namen der Deistenbekannt, die -Leuchte des gesunden Menschenverstandes in die Finsternissemittelalterlicher Glaubenseinfalt trug. Die Freidenker argumentirtenin einer Form, welche sie auch in Frankreich Anklang finden ließ. Ganznatürlich; denn die englische Literatur bewegte sich damals, wie die descivilisirten Europa's überhaupt, in französischen Formen. Aus denDeisten gingen in Frankreich die Boltaireancr und Encyklopädisten her-vor, aus diesen und jenen die deutschen Aufklärer des 18 . Jahrhunderts,deren Bestrebungen durch Lessing und Kant ihre höchste Bedeutung ge-wannen. Der menschlich - freie Gedanke wurde das Agens derkulturgeschichtlichen Bewegung. Der moderne Humanismus, mit derMilch des klassischen Alterthums großgenährt, hob seinen energischenStreit gegen den Thcologismus an.
Aufklärung, Erleuchtung war die Losung des Jahrhunderts. DerDespotismus selbst wurde ein erleuchteter. Friedrich der Große und-Joseph II. handhabten denselben in entschieden aufklärerischem Sinne,nachdem in des ersteren siebenjähriger Kriegsführnng der romanischeAbsolutismus beim Zusammenstoß mit den neuen Prinzipien seinen gan-zen Marasmus bloßgelegt hatte. Diesem „erleuchteten" Despotismusmachte sich überall, selbst an dem in unbeschreiblichste Lüderlichkeit ver-sunkenen Hofe Ludwigs XV., die Nothwendigkeit fühlbar, eine Regene-ration zu versuchen. Alan warf daher den heranflutenden Wogen derrevolutionären Stimmung den Jesuitenorden zum Opfer hin, um sie zubesänftigen; allein den Jesuitismus selbst über Bord zu werfen, dazukonnte man sich nicht entschließen. So, in haltlosem Schwanken zwischenAltem und Neuem, kam dem gealterten Europa die frohe Botschaft derErklärung der Menschenrechte von jenseits des Ozeans. Die Wirkungauf die öffentliche Meinung, welche bereits zu einer öffentlichen Macht ^herangewachsen, war eine unermeßliche. Die germanisch-kosmopolitischeFrciheitsidee, welche in Nordamerika über den germanisch-englischen