Die menschlich-freie Zeit.
411
Aristokratismus hinaus den Vorschritt zur germanisch-föderalistischenDemokratie erreicht hatte, war mächtig genug, bei ihrer Zurückwendungnach Europa , die Nation zu erobern, welche bislang der Hauptträger desromanischen Absolutismus gewesen war. Daher die entschieden germanischeFärbung, welche die französische Revolution in ihren Anfängen trug.Sie hielt freilich nicht lange vor. Es sollte sich bitter an Frankreich rächen, daß sein romanisch-absolutistischer Geist der Selbstbestimmung derPersönlichkeit und der damit enge zusammenhängenden Selbstbestimmungder Gemeinde keinen Raum zu freier Entfaltung gegeben hatte. Dielegitime Tochter der absolutistischen Staatsidec, die Centralisation, schiedmit gewaltiger Hast das germanische Element aus der Revolution aus.Der Konvent herrschte demnach gerade so romanisch-despotisch, wie dervierzehnte Ludwig, und eS war nur logisch, daß diese Despotie, welchedie Individualität bloß aus dem Gesichtspunkt ihrer Brauch- und Bcr-brauchbarkeit für den Staat betrachtet, zu der utopischen Idee des Kom-munismus vorschritt, des Kommunismus, welcher seinem innersten Wesennach der germanischen Natur zuwider ist.
Deutschland hatte unterdessen seine im 16 . Jahrhundert begonnene,dann durch den dreißigjährigen Krieg brutal gestörte Kulturarbeit wiederaufgenommen. Ihr reformatorischer Drang hatte sich zu Luthers Zeitauf die Freiheit des Glaubens gerichtet, jetzt richtete er sich auf die Frei-heit der Wissenschaft und Kunst. Es galt die Emanzipation des wissen-schaftlichen Denkens vorn kirchlichen Dogma, es galt die Emanzipationdes künstlerischen Schaffens von der romanisch-französischen Kunstthcorie.Diese Befreiung, welche dem deutschen Charakter gemäß der politischenschlechterdings vorhergehen mußte, wurde durch die philosophischen undnational-litcrarischen Koryphäen unserer Klassik zuwcgegebracht. DerHumanismus, die Idee des Rein-Menschlichen, die Idee der Zukunftwar gefunden.
Während aber unser Land seine geistige Revolution vollendete, fieldie politische des Nachbarvolkes ihrem unausweichlichen Geschick anheim.Die demokratisch-parlamentarische Diktatur ging in die militarisch-cäsarische über. Der nivellireude und centralisirende Gedanke des Ro-manismus wurde durch Napoleon noch einmal großartig verwirklicht undmit richtigstem Instinkt erkannte und befehdete der große Schlachten-meister das germanische England als den Erbfeind seines Werkes. ZurZertrümmerung desselben haben Englands Eichenplanken und EnglandsGold, welches den Kontinent gegen Frankreich bewaffnete, unstreitig dasMeiste beigetragen. Aber Frankreichs Einfluß hörte mit dem SturzeNapoleons keineswegs auf. Der Romanismus des letzteren wurde vonseinen Gegnern geradezu adoptirt und die heilige Allianz war ein durchund durch romanisches Institut, zu Stande gekommen und geleitet durch