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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Buch III, Kap. 2.

durch ein höchst wichtiger Schritt. Als 1717 der Graf von Dohna,als Marschall der Stände Preußens, in französischer Sprache eine Ver-wahrung gegen die Besteuerung einreichte, welche mit den Worten schloß :Tont ls j»avs kern ru>i>6" gab der König die berühmte Resolution:Tont le sern ruinv? Rillil Icrecko, aber das krecko, daß den Jun-kers ihre Autorität wird ruinirt werden. Ich stabilire die Sonveränetätwie einen lioelwr von Lronoe". Immer in Bewegung, achtete derKönig auf das Kleinste, wie auf das Größte. Er revidirte, gleich denStaatsrechnungen, auch die seines eigenen Haushalts mit der pünktlichstenStrenge und übte an Betrügern hier und dort die rascheste Kabinetts-justiz. Sein Sparsystem ging bis znm Geiz. Er brachte die Staats-einnahmen von 4 auf 71/2 Millionen und legte jenen Schatz an, derseinem Nachfolger so sehr zu gute kam. Nur in einem Punkte war erverschwenderisch, wann es nämlich galt,lange Kerle" für sein Potsdamer Leibregiment zu ergattern. In aller Welt machten seine Werber Jagdauf solche Riesen. Er hatte welche, die ihn von 1000 bis 5000 Thalerkosteten; für den längsten von allen, einen Jrländer, hatte er sogar 9000Thaler bezahlt. Er machte auch das schnakische Experiment, durch Zu-sammengehen seiner langen Kerle mit recht langen Weibspersonen einRiesengeschlecht zu Stande zu bringen; allein der Versuch mißglückte.Der König verlangte die deutsche Geradheit und Offenheit, welche erübte, auch von andern. Schmeichelei und alles Schönthun war ihmtödtlich verhaßt. Ein neu eingetretener Kammerdiener las ihm einmalden Abendsegen vor der König beobachtete gewissenhaft die lutherischenAndachtübungen und als der Vorleser an die Worte kam:DerHerr segne dich!" glaubte er in seiner Unterthänigkeit sagen zu müssen:Der Herr segne Sie!" Aber Friedrich Wilhelm schnauzte ihn sofortan:Hundsfott, lies recht; vor dem lieben Gott bin ich ein Hundsfottwie du". Antworten, die von freier und franker Geistesgegenwart zeug-ten, gefielen ihm sehr. Ein Kandidat erhielt eine gute Pfarre, weil erdem König auf dessen Bemerkung, daß die Berliner alle nichts taugten,frischweg geantwortet hatte, das sei wahr, aber es gäbe Ausnahmen.Welche?Ew. Majestät und ich". Dagegen erging es denen übel,welche dem König auszuweichen suchten, wenn er zur Besichtigung derBauten, zu denen er so unablässig antrieb, daß Berlin am Ende seinerRegierung schon nahe an 100,000 Einwohner zählte, in der Residenzumherritt. Einen armen Teufel von Juden, der bei einer solchen Ge-legenheit vor dem gestrengen Herrn Reißaus genommen,weil er sichvor ihm gefürchtet hätte", prügelte er durch mit den Worten:Nichtfürchten, lieben, lieben sollt ihr mich!"

Friedrich Wilhelm hatte sein Hauswesen ganz auf dem Fuß eineswohlhabenden Bürgers oder wenigstens nur auf dem Fuß eines vermög-