Zum dritten Buch.
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derts dem „Renommisten" Zachariä's noch immer auf ein Haar glich. Manhöre nur.
„Wer ist ein rechter Bursch! Der, so am Tage schmauset,
Des Nachts hcrumschwärmt, wetzt (den Hieber anfdem Pflaster), brüllt und brauset,Der die Philister schwänzt, die Professores prelltUnd- nur zu Burschen sich von seinem Schlag gesellt;
Der stets im Karccr sitzt, einhertritt wie ein Schwein,
Der überall besaut, nur von Blamagen rein,
Und den mau mit der Zeit, wenn er g'nug renommiret,
Zu seiner höchsten Ehr' aus Gießen relegiret.
Das ist ein firmer Bursch, und wer's nicht also macht,
Nicht in den Tag 'nein lebt, nur seinen Zweck betracht,
Jn's SaufhauS niemal kommt, nur in's Kollegium,
Was ist das für ein Kerl? Das ist ein Drastikum!"
10) Karl Friedrich Bahrdt , geb. 1741 zu Bischosswerda, gest. 1792 inHalle, ist einer der merkwürdigsten gelehrten Abenteurer des vorigen Jahrhun-derts. Sein Hauptwerk waren „Die neuesten Offenbarungen Gottes in Briefenund Erzählungen," eine aufklärerisch paraphrasirende Uebersetzung des neuenTestaments. Spaßhaft ist es, zu hören, wie sich seine Gemeinde über Bahrdt äußerte, als er, von dem Grafen von Lciningen-Dachsburg als Superintendentnach Türkheim a. d. Haardt berufen worden war. „He glebet mech kenen Gott,"sagt der Eine. „Ne," erwiderte der Andere, „he glebet mech nur kenen Vater."„Ei nicht doch," meinte ein Dritter, „er leegnet ja den Sohn." „Den Teubelgleebet er hal ich och nich," setzte ein Vierter hinzu. Die Wahrheit ist, daß Bahrdt damals das Dogma der Dreieinigkeit, die Versöhnungstheorie, den Glauben andie übernatürliche Gnade, an die Erbsünde und an die Ewigkeit der Höllenstrafenaufgegeben hatte, den Glauben an unmittelbare Sendung Jesu aber und an dieGöttlichkeit der Bibel noch festhielt.
11) Die Raumverhältnisse des vorliegenden Buches gestatten kein näheresEintreten auf die große literarische Revolution, welche sich vom Jahre 1750 anin Deutschland bewerkstelligte. Es sei mir daher gestattet, zu verweisen auf meinWerk „Schiller und seine Zeit," wo ich im 4. Kapitel des I. Buches dieSturm- und Drangperiode ausführlich dargestellt habe (Prachtausgabe, S. 112 fg.,Volksausg. 4. Anst. I, 111 f.); sowie auf mein Werk „Blücher, seine Zeitund sein Leben," wo ich im I.Buch die Zeit des „aufgeklärten" Despotismus,im 2. Buch die Gesellschaft des Rokoko-Zeitalters und im 3. Buch (Kap. 1 und 2)die Reform- und Revolutionsliteratur einer quellenmäßigen Erörterung unterzog(Blücher, 2. Aufl. I, 12—60; 73—139; 140—170). Manches, was in vor-liegender Schrift nur angedeutet werden konnte, hat auch in meiner „Geschichteder deutschen Frauenwelt" (2. Aufl. Buch III, Kap. 5, 6 und 7; Bd.II,S. 177—301) seine Ausführung gefunden.
12) Z. B. in dem gegen den Sachsenbesieger Karl gerichteten Bardculied,wo Stolberg die Weser ansingt:
„Der Tyrannen Rosse Blut,
Der Tyrannen Knechte Blut,
Der Tyrannen Blut,
Der Tyrannen Blut,
Der Tyrannen BlutFärbte deine blauen Wellen."