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Beigaben.
Ganz anders sprach sich das Freiheitsgefühl in Bürger aus. Man halte nur mitobigem Bombast sein Jmpromptll zusammen:
„So lang ein edler Biedermann
Mit einem Glied sein Brot verdienen kann.
So lange schäm' er sich, nach Gnadenbrot zu lungern!
Und thut ihn endlich keins mehr gut,
So hab' er Stolz genug und Muth,
Sich aus der Welt hinaus zu hungern."
13) „Ein edler Geist klebt nicht am Staube,
Er raget über Zeit und Stand;
Ihn engt nicht Volksgebrauch noch Glaube,
Ihn nicht Geschlecht noch Vaterland.
Die Sonne steig' und tauche nieder:
Sie sah und sieht ringsum nur Brüder;
Der Kelt ' und Griech' und HottentotVerehren kindlich einen Gott."
14) Dieses deutsche Uebel fängt allmälig an sich zu verlieren, aber wie langeist es denn her, daß unsere Bauern nur mit Zittern und Zagen eine Amtsstube,selbst die des subalternsten Beamten betraten? Der verrufenste Bureaukraten-Grobianismus herrschte in dem Schreiberparadies Altwirtemberg, in Baiern undOestreich. In letzterem Lande hatte der wackere Seume auf seinem Spaziergangnach Sprakus (1802) sein tragikomisches Paßabenteuer, das wir ihn erzählenlassen wollen. Der Präsident der italischen Kanzlei zu Wien , welcher dem Rei-senden seinen Paß visiren sollte, empfing ihn mit den Worten: „Währ üß Aehr?"So fragte er mich mit einem stierglotzendeu Molochsgesicht in dem dicksten wienerBratwurstdialekt. Ich ehre das Idiom jeder Provinz, so lange es das Organ derHumanität ist, und die braven Wiener mit ihrer Gutmiithigkeit haben mir nurselten das Gefühl rege gemacht, daß ihre Aussprache etwas besser sein sollte. Ichthat ein kurzes Stoßgebetchen an die heilige Humanität, daß sie mir hier etwasGeduld gäbe, und sagte meinen Namen, indem ich auf denPaß zeigte. „Wu willer hünn?" Steht im Passe: nach Italien . „Italien nß grnhß." Vor der Handnach Venedig und sodann weiter. „Släftr holtr fähr fuehl snlch lüederlichchesGe-süendel härnmmer." Nun Freund, was war hier zu thun? Dem Menschen zuantworten, wie er es verdiente? Er hätte leicht Mittel und Wege gefunden, michwenigstens acht Tage auszuhalten, wenn er mich nicht gar zurückgeschickt hätte;denn er war ja ein Stück von Minister. Ich suchte eine alte militärische Aufwal-lung mit Gewalt zu unterdrücken. „Wu wüll Aehr weiter biinn?" Vorzüglichnach Sizilien. Er glotzte von Neuem und fragte: „Was wüll Aehrda machchen?"Ich will den Theokrit studiren. Weiß der Himmel, was er denken mochte; er sahmich an und sah auf den Paß und sah mich wieder an und schrieb sodann Etwasauf den Paß, welches, wie ich nachher sah, der Befehl zur Ausfertigung einesandern war. „Abber Aehr dörf süchch niicht ünn Venedig ufshalten." Ich bin esnicht Willens, antwortete ich mit dem ganzen Murrstnn der düsteren Laune, undbekomme hier auch nicht Lust dazu. Er beglotzte mich noch einmal, gab mir denPaß und ich ging."
15) „O, Kaiser , du von neunundneunzig FürstenUnd Ständen, wie des Meeres Sand,
Das Oberhaupt, gib uns, wornach wir dürsten.
Ein deutsches Vaterland!