Band 
Zweyter Band.
Seite
374
JPEG-Download
 

z 7 4 Neuntes Buch.

zu stören. Sie rühmte sich, vor dem Tode eben so wenigFurcht als vor dem Schlafe zu haben. Den Morgen derstimmt fle den Regicrungsgeschäften, und ste wohnt täg.lich dem Staatsrathe bey. Alle Geschäfte dieser Art ge-hen durch ihre Hände, und ganz alleine fertiget sie alleDepeschen und Verordnungen aus. Mit Niemanden, alsnur mit ihr konferiren die Gesandten und auswärtigenMinister. Wenn diese in öffentlichen Audienzen gegen dieKönigin ihre Anreden halten, beantwortet nur ste diesel-ben. Es ist eine ganz unglaubliche Erscheinung, aber ichhabe mich mit meinen eigenen Augen davon überzeugt,daß die größten Generale der Armeen, und jene Schwe-den, deren Ruhm und Tapferkeit ganz Deutschlandzittern machte, in Gegenwart ihrer Königin verstummenund zittern. Sie will von allem, was auf die Regierungdes Königreiches Bezug hat, unterrichtet seyn. So weit-läufig und mannigfaltig die Geschäftsberichte seyn mögen,so liefet sie dieselben doch alle. Sie liebt alle Nationen,und schäjt die Tugend, wo sie solche findet. Hieraufwendet sie alle ihre Aufmerksamkeit. Die Welt, pflegt stezu sagen, besteht eigentlich aus zweyen Nationen; ausehrlichen Leuten und aus Schelmen. Die erstere liebte,und letztere verabscheute ste, ohne darin in Rücksicht desVolkes, dem sie angehörten, einen Unterschied zu ma-chen. Die Idee einer ehelichen Verbindung ist ihr uner-träglich, und Niemand ist im Stande, sie zum Heurathenzubewegen. Ich bin, sagt sie gemeiniglich, frey gebo-ren, und will frey sterben. Im gesellschaftlichen Umgangist sie so vertraut, daß man sie nicht einmal für eine Damevon Stande, um so weniger also für eine Königin haltensollte. Zugleich aber weiß sie sich so ein Ansehen zu geben,das man sich in ihrer Gegenwart fürchtet. Sie hat zwarEhrendamen am Hofe» aber mehr zur Pracht als zumDienste. Nur Mannsleute halt sie zu Gesellschaftern. Siefürchtet weder Hitze noch Kälte, und ist aller Strapa-