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5 (1843) Zweiter Theil, enthaltend Frankreich, das britische Reich und das Russische Reich. Schweden und Norwegen, Dänemark, Belgien, die Niederlande, Portugal, Spanien, die Schweiz, Italien, Neapel und Sicilien, Sardinien, Kirchenstaat, Toscana, Parma, Modena, Lucca, San Marino und Griechenland / von Dr. Heinrich Berghaus
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Europäisches StaatensysteM.

erforderlichen Subsistcnzmittel herbeizuschaffen, in der Kultur der Erd-scholle, die ihm diese giebt, Meliorationen einzuführen und seine Lcbens-rveise zu verbessern trachten werde. Allein so ist es in Frankreich nicht;die Theilung des Bodens scheint in der That in zu kleine Parzellenerfolgt, und eine wahre ^Zersplitterung des Grundcigcnthums eingetretenzu sein, die keine Mittel zu Meliorationen übrig läßt. Der französischeBauer begnügt sich im Allgemeinen mit einem Stück schlechten Brodes,indem er sein kärgliches Mahl zuweilen mit einem Kvhlgericht und einemStückchen Speck würzt; ja in einigen Gegenden Lotharingens kennt ernichts als die Kartoffel, und etwas geronnene Milch. Im Berry hater am haüfigsten nur eine Suppe, die mit Nuß- oder Rüböl angemachtist, und in der eine Kruste gerösteten Brodes schwimmt. Überhaupt istder französische Bauer ein Gewohnheitsmensch, der fest an den Gcbraü-chcn seiner Vorfahren hält, und nur in den nördlichen Departements,wo die Nachbarschaft einer weit vorgerückten Civilisation von großemEinfluß ist, finden sich lobenswert he Ausnahmen von diesem Geist desSchlendrians und der Anhänglichkeit an Vorurtheilen. Einige Gegendenim Stromgebiet der Loire, besonders derjenige Theil des linken Ufers,welcher die alten Provinzen Berry und Poitvu bildet, zeichnen sich durchaußerordentliche Sorglosigkeit, ja Gefühllosigkeit des Landmanns sehr zuihrem Nachtheile auS. Im westlichsten Theil von Frankreich, in derBretagne, karakterisiren heftige Leidenschaften und Starrsinn den Bewoh-ner; während Streit- und Prozeßsncht, viel Schlauheit und ein lebhaftesGefühl für das eigene Interesse den Nvrmann karakterisiren. An denUfern der Summe sind die Sitten einfach, aber man erzürnt sich leicht.Am nördlichen Ende von Frankreich sind die flamändischen Sitten ziemlichverbreitet: starke Getränke, besonders Wachholdcr-Branntwcin, werdenviel genossen und das gemeine Volk zeichnet sich nicht durch Geselligkeitaus; die Gewohnheit in Kellern zu leben, oder vielmehr zu vegetiren,ist dort noch nicht ganz aufgegeben worden; man findet sie auch in Arrasund an andern Orten. Im Gebiet der Marne und der obern Seine, inder vormaligen Champagne, sind die Sitten sehr einfach und der Land-mann ist auf sein Bestes sehr bedacht. Die Gebirgsbewohner der Vogc-sen verlcügnen ihren deutschen Karakter nicht: sie sind freimüthig undoffenherzig und nicht leicht aus ihrem Phlegma herauszubringen, dabeigastfrei über die Maßen, wie fast alle Deütsche. Auf dem Jura ist manmäßig und fremd den ungestümen Leidenschaften; der Geist der Ruhe undLangsamkeit, der dort herrscht, findet sich sehr selten in den Landstrichen,welche südlich vom mittlern Parallel, Lat. 45°, gelegen sind. Hier, indem Gebiete des Rhone, der Dordogne, der Garvnne und des Adonr,ist der Mensch im Allgemeinen sehr lebhaften Temperaments, und legtin seine rasche Rede die Wärme einer leidenschaftlichen Bildersprache.Doch zeigen sich auch einige Schattivnngen. In der Provence gesellensich zu dieser Lebhaftigkeit des Geistes oft Manieren, die nichts wenigerals liebenswürdig und fein sind, während im Languedoc gerade das Ge-gentheil Statt findet. In der Guienne und Gascogne ist der natürlicheGeist der Bewohner nicht immer frei. In den Gebirgen der Auvergneund des Limousin steht das Äußere eines Theils der Jnwohncrschaft voll-