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5 (1843) Zweiter Theil, enthaltend Frankreich, das britische Reich und das Russische Reich. Schweden und Norwegen, Dänemark, Belgien, die Niederlande, Portugal, Spanien, die Schweiz, Italien, Neapel und Sicilien, Sardinien, Kirchenstaat, Toscana, Parma, Modena, Lucca, San Marino und Griechenland / von Dr. Heinrich Berghaus
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79
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Frankreich.

kommen im Einklang mit dem traurigen Boden, den sie baut; dagegenist der Mensch hier außerordentlich gutmüthig und offenherzig, mildthätigund gastfrei; ei» großer Theil verlaßt mit Schmerz den Boden, der ihnnicht ernähren kann, um in den Städten irgend ein Handwerk zu treiben,wo der Auvergnat und Limvnsiner, mit den Auswanderern des Dau-phin«, den größten Theil der Last- und Wasserträger, der Parapluie-händlcr und anderer tzausirer bilden.

In einigen Gegenden von Frankreich trägt die Kleidung einen ganzeigenthümlichen Karakter der Originalität. So in der Landschaft Caux,die den größten Theil des heütigcn Depart. Scine-infvricure bildet, dieKleidung der Frauen, der Cauehoiscs; so das Eostüm der Weiber inNauclusc, das nicht ohne Ähnlichkeit mit der Kleidung der alten Grie-chinnen ist.

Die Schilderungen, die wir im Vorstehenden gegeben haben, beziehensich nur auf gewisse Theile der Bewohner Frankreichs. Der allgemeineKarakter der Nation ist Lebhaftigkeit; schnell bereit, alles zn erfassen,was sich seiner feurigen Einbildungskraft darbieten mag, wagt sich derFranzvs voll Wärme und Enthusiasmus an die kühnsten Projekte unddie abeineüerlichstcn Unternehmungen; aber man wirft ihm vor, daß diesenatürliche Lebhaftigkeit, die man oft als Flüchtigkeit, oder gar als Leicht-sinn bezeichnet, ihn leicht zurückschrecke und die ersten Projekte aufgebenlasse, umcüe zu ergreifen. Die Vergangenheit macht wenig Eindruckauf ihn; er lebt nur in der Gegenwart, und kümmert sich sehr wenigum die Zukunft. Andrer Seitö ist der Franzvs wegen seiner Urbanitätbekannt; scharfer Verstand, Edelmuts) und Gastfreiheit zeichnen ihn aus;dagegen wirft eine unbezwingbare National-Eitelkeit und Gering-, jaMißachtung fremden, d. h. nicht französischen Verdienstes schwarze Schat-ten auf seinen Karakter.

Das Kauderwälsch, das in einem großen Theile Frankreichs gespro-chen wird, ist ein großes Hinderniß für die Belehrung des Volks unddie darauf sich gründende Verbesserung seiner Lage. Im Norden ist dasFlamändische oder Flämische im Gebrauch; im Gebiet der Summe daspicardicsche Patois, das aus lateinischen und keltischen Wörtern und ausder verfälschten Sprache besteht, welche die Germanen nach Gallienbrachten. Zwischen den Dogesen und Ardenncn ist das Lotharingische Kau-dcrwälsch die Volkssprache, eine Art romanischen Dialekts, vermengt mitfranzösischen und dcütschen Wörtern, die im Lauf der Zeiten und derpolitische» Ereignisse Eingang gefunden haben. Im Elsaß ist die alle-mannische Mundart des Dcütschen die Spräche des Volks. Im Jahre17SL gab es im Innern von Frankreich nur fünfzehn Departements, wodie französische Sprache ausschließlich gesprochen wurde, und man schätztedie Zahl der Individuen, welchen die Nationalsprache unbekannt war,auf ein Viertheil der damaligen Volksmenge. Burgund und das Berrysind vielleicht von allen alten Provinzen die einzigen, wo das französischeam reinsten gesprochen wird. An den Ufern der Vilaine ist die Sprachekines Theils der Landleüte das Französische des Xlls. Jahrhunderts, undin den Dörfern der Nicder-Bretagne wollen die Schneider, die eine Kastefür sich bilden, nicht in Gegenwart von Fremden ihr Idiom sprechen,