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in Formis das reichste und relativ vollständigste Exemplar dessen erhalten hat,was wir als monumentale Ausführung der karolingisch - ottonischen Bilderbibel be-zeichnen können.
VI
Die an den Hochwänden des Mittelschiffes in S. Georg auf der Reichenau vor-geführten acht Scenen (Auferweckung des Lazarus, Auferweckung der Tochter desSynagogenvorstehers, die Erweckung des Jünglings von Naim, die Heilung der Aus-sätzigen, die Austreibung der Teufel aus den Besessenen zu Gerasa , die Heilung desWassersüchtigen, der Sturm auf dem Meere und die Heilung des Blindgeborenen)stellen selbstverständlich nur eine sehr kleine Auswahl aus dem evangelischen Cyklusdar, und nur einige derselben finden wir auch in S. Angelo wieder; die anderenmögen unter den jetzt an der Südwand zu Grunde gegangenen Bildern sich befundenhaben. Aber das noch Vorhandene genügt vollständig zu einer Vergleichung der Typenund der stilistischen Behandlung beider Denkmäler. Und da tritt uns zunächst die unleug-bare Thatsache entgegen, dass für beide die altchristlich-römische Kunst die gemeinsameGrundlage bildet, wie das für die grofse Masse der occidentalen Bilder der karo-lingisch-ottonischen Zeit jetzt immer mehr allgemein anerkannt wird 1 ). Ein Hauchantiken Geistes geht über alle diese Darstellungen hin, selbst da, wo gewisse Detailsdes Kostüms und dergleichen der byzantinischen Übung abgesehen sind. Einnäherer Vergleich der beiderseitigen Hochwandbilder zeigt schlagende Analogieen. DerChristustypus ist genau übereinstimmend. Nirgend begegnen wir dem greisenhaften,byzantinisierenden Typus, welchen ich als den dritten in der Entwickelungsgeschichtedes Christuskopfes nachgewiesen habe 2 ), sondern allenthalben tritt uns der nochrelativ junge, mit kurzem Bart und kurzem Haar begabte, sogenannte kallistinischeKopf entgegen, welcher auch in der Katakombenkunst auf den bartlosen jugendlichenIdealtypus unmittelbar als zweiter folgt. In Reichenau ist nur der Herr durch denNimbus ausgezeichnet; hier in S. Angelo in Formis erscheinen aufser Jesus auchJohannes der Täufer, Abraham, der Trostengel in Gethsemane , die Engel über demGekreuzigten, Maria und Johannes der Evangelist neben diesem, der Vorläufer imLimbus, der Engel am Grabe Jesu, endlich die Propheten über den Arkadenzwickelnmit dem Heiligenschein, Christus allein aber mit dem in den einfachen Reifen desNimbus eingezeichneten und durch Edelsteine besetzten Kreuz (crux gammata).Ganz übereinstimmend pflegt weiter die scenische Anordnung der Bilder zu sein.Auf der Reichenau wie in S. Angelo sehen wir den Herrn, von einigen seiner Jüngergefolgt, stets von links (vom Beschauer) in die Scene eintreten; die verschiedenenKöpfe der mithandelnden Personen zeigen auffallende Ähnlichkeit, im Beiwerk sindstarke Analogieen, vor Allem ist der architektonische Hintergrund überaus ähnlich.Mehr Gewicht noch ist auf die unverkennbare Verwandtschaft des malerischen Vor-trages zu legen. In beiden Cyklen herrscht dasselbe gewaltige dramatische Leben,beide unterstehen derselben gemeinsamen Auffassung des Lebens, in beiden webtund lebt der nämliche Geist. Ich wage demnach, in Beiden nahezu nächste Ver-wandte zu sehen und ich hoffe keinem Widerspruche zu begegnen, wenn ich dieWandgemälde von S. Angelo und diejenigen der Oberzelle auf der Reichenau als die
*) Vöge a. a. O.
2 ) Kraus, Real-Encykl. d. Christi. Alterth. II 24 h