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4 (1839) Erster Theil, enthaltend die Staaten des Deutschen Bundes, so wie die Gesammtländer der Preussischen und der Österreichischen Monarchie / von Dr. Heinrich Berghaus
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Europäisches Staatensystem.

auf Zehner, in nvch andern auf Einer, in einzelnen Gegenden wird siegleich Null! Dieser erfreüliche Zustand ist die Frucht neürer Zeiten, undrastloser Bestrebungen der deütschen Regierungen, das Volk zu emancipi-ren von der Finsterniß der Unwissenheit und des daraus hervorgehendenAberglaubens. Es giebt in Deütschland wohl nicht ein einziges Dorf,das nicht seine Schule hätte; diese Volksschulen verbreiten Intelligenz unterdie große Masse der Nation, die dadurch erstarkt zu einer kräftigen Gesell-schaft voll Geist und Leben, und ihren Volkskarakter, der einfach undschlicht ist, heran- und herausbildet zur sittlichen Vervollkommnung. Dennmit der Steigerung der gemeinnützigsten Kenntnisse steigert sich auch, ander Hand des Religivns-Unterrichts, das sittliche Gefühl und den Sinnfür das Gute und Rechte; und es ist, wie mich dünkt, eine nicht ganzrichtige Folgerung, wenn man aus der in neuern Zeiten vorkommendengroßer» Zahl der bekannt werdenden Verbrechen auf eine Abnahme derSittlichkeit schließen will;> gerade das Gegentheil dürfte daraus abzu-nehmen sein: Verbrechen, die sonst aus Gleichgültigkeit oder gar ausBosheit verheimlicht wurden, werden jetzt von Personen, die davon Kennt-niß erhalten, veröffentlicht, weil die Gesetze der Moral es vorschreiben,weil die allgemeine Besserung, die Sicherheit des Ganzen dadurch befördertwird. Auch die größere Ausbildung der sicherheitspoli'zeilichen Veranstal-tungen, und der schnellere Gang der Gerechtigkeitspsiege haben ihren An-theil an der scheinbaren Vergrößerung des Bösen. Ihm wirken zahlreicheVereine von Menschenfreündcn entgegen, unter denen in den protestantischenLändern die Bibelgesellschaften obenan stehen, welche die Verbreitung derheiligen Schrift zum Zweck haben; mit ihnen gehen Hand in Hand dieVereine zur Verbreitung von ErbaunngS- und andern Schriften, die ausdie sittliche Kultur des Volkes wirken können, die Vereine zur Besserungder Strafgefangenen, zur Besserung ihres moralischen Zustandes, durchWort und That, durch Gewährung materieller Mittel zur Subsistenz nachEntlassung aus der Haft.

Verweilen wir noch einen Augenblick bei der sittlichen Kultur desdeütschen Volks, so spricht sich dieselbe durch die größere oder geringereZahl der unehelichen Geburten vorzugsweise mit aus; denn es unterliegtkeinem Zweifel, daß dort größere Sittlichkeit und mehr Tugend herrschenwird, wo der Trieb zur Fortpflanzung der Gattung auf die von der christ-lichen Religion vorgeschriebenen Grundlagen geübt wird, als da, wo dersinnliche Mensch diese Vorschriften umgeht, in wilder Leidenschaft der Un-keüschheit frvhnt, auf diese Weise das Glück, welches ein Hausstand, dasLeben in einer Familie darbietet, von sich stößt, und bei so lockern Bandenzwischen Ältern und Kindern, den Verein von Familien, den Bestand derGesellschaft, des Staates gefährdet. In dieser Beziehung giebt es inDeütschland sehr große Verschiedenheiten, und, gestehen wir es uns nuroffenherzig, aüßerst beklagenswerthe Erscheinungen, die wol geeignet sind,die Aufmerksamkeit des Gcsammtvaterlandes in hohem Grade auf sich zuziehen. Im Allgemeinen ist der Norddeutsche, von diesem Standpunkteaus betrachtet, viel sittlicher als der Süddeütsche. In Nvrddeütschlandwird nur der fünfzehnte Theil der Neügebvrncn außerhalb der Ehe ge-zeugt; im südwestlichen Deütschland dagegen der neunte Theil, im südöstlichen