Deutscher Zollverein.
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Wollen wir auch nicht die sanguinische Hoffnung liegen, daß künftigdie Zunahme des Verkehrs in einer geometrischen Progression erfolgenwerde, so ist man doch darüber einig, und es erleidet nicht den min-desten Zweifel, daß die Deütschen innerhalb der Gränzen des Zollvereinsfür ihre materielle Wohlfahrt ei» festes, dauerhaftes Fundament erbauthaben, das nicht erschüttert werden kann.
Ein Volk, welches mit dem Auslande in lebhaftem Verkehre steht,muß die Mittel zur Begründung und Unterhaltung dieses Verkehrsbesitzen. Völker, die nur so viel produziren, als zur Deckung des eige-nen Bedarfs erforderlich ist, können keinen auswärtigen Handel treiben;sie haben ja nichts, was sie den Nachbarn anbieten konnten. Wennwir also bei dem deütschen Volke eine so bedcütende Steigerung seinerHandelsverbindungen mit dem Auslande wahrnehmen, so müssen wirhierin ein ähnliches Steigen seiner Prvduktionsfähigkcit erkennen.
In der That, alle Zweige der physischen und technischen Kultur sindin sämmtlichen Ländern des Zollverbandes erweitert, verbessert, produk-tiver geworden. Die verschiedenen Erzeügniffc des Ackerbaus, die Ce-realien und Hülsenfrüchte, die Ölsaaten und Handelsgcwächse, der Anisund Kümmel und Hopfen haben größere Raüme für ihre Kultur gewon-nen. Wenn hinsichtlich des prcüßischcn Tabacksbaues zu besorgen stand,daß der Wegfall der Schutzzölle gegen das gleiche Vcreinsprodukt dicftnKulturzweig in Preüße» beeinträchtigen werde, so ist diese Wirkung uner-warteter Weise nicht eingetreten; im Gegentheil ist Liese Kultur imPreüßischen Staat seit dem Zoll verband sogar etwas gestiegen, ja siewürbe daselbst ohne Zweifel an Ausdehnung gewinnen, wenn der Bodennicht, außer der Grundstcüer, noch mit einer besondern Tabackssteücrbelastet wäre. Eben dasselbe gilt von Sachsen und Knrhessen, währendin den südlichen Vcreinsstaaten, in Baden, Baicrn und dem Grvßhcr-zogthum Hessen der Tabacksban frei und in großer Ausdehnung betriebenwird. Daß der Weinbau erweitert worden ist, liegt klar zu Tage: dieWeinbauern am Rhein, in der Pfalz, am Neckar und in Franken habenim nördlichen Dcütschland einen großen Markt für den Absah ihrer Er-zeügnisse gewonnen, und man ist in jenen Weinländern durch Vereineeifrig damit beschäftigt, die Kultur der Rebe zu verbessern und zu ver-edeln. Wie sehr das Vcrcinsvcrhältniß die ausländische Zufuhr an Weinin den nicht Weinbau treibenden Ländern der zvllverbündeten Staatenbeeinträchtigt haben möge, geht einiger Maßen daraus hervor, daß dieGesammtcinfuhr über die Gränze des preüßischen Regierungsbezirks Pots-dam, ohne Berlin, in den drei Jahren 1831—33: 214,805 Ctr., dage-gen 1834—36 nur 104,521 Ctr. betragen, sich mithin über die Hälfte,um 110,284 Ctr. vermindert hat. Für die Fvrstwirthschaft ist eineunmittelbare Einwirkung aus' den Zoll-Vereinigungs-Verträgcn bishernicht hervorgetreten und solche auch kaum irgend fühlbar,zu erwarten;indeß wird dafür gehalten, daß der höhere Holz- und Brcnnmatcrialicn-Preis in einzelnen Ländern des Zvllverbandes vorzugsweise dazu beige-tragen habe, daß der Betrieb der Branntweinbrennereien dort zurück-geblieben und somit ein Theil des Landesbedarfs an Spiritus und Brannt-wein aus den Brennereien anderer Länder bezogen sei, so wie in diesem