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Erster Band.
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genen Sätzen von der Schwungkraft im Kreise herleitete und zeigte, daßnicht nur das Wasser der Erde, sondern auch der feste Theil derselbendiese an den Polen abgeplattete Gestalt haben müsse, weil sonst die Län-der um den Äquator vom Meere überschwemmt sein würden. Zugleichbekräftigte er seine Behauptung durch einen Versuch mit einer weichenThonkugel, welche auf eine Achse gesteckt und sehr schnell um sich selbstgedreht, die von ihm supponirte Gestalt des Erdkvrpers erhielt. SeinVersuch, das Verhältniß der Achse zum Durchmesser zu bestimmen, ergab,daß jene um '/ 57 z kürzer als dieser sei. Was Huygens zuerst ermittelthatte, ward bald darauf ganz ähnlich von Newton als Folge seines Sy-stems der Gravitation vorgetragen. Die Gründe, welche , dieser großePhysiker anführte, waren im Wesentlichen dieselben, hatten aber den Vor-theil für sich, daß sie durch eine von Cassini im Jahre 1691 gemachteBeobachtung bekräftigt wurden, der zufolge auch der Jupiter eine Abplat-tung an den Polen hat, Newton berechnete gleichfalls das Größenver-hältniß des Durchmessers der Erde und ihrer Achse unö setzte es, indemer von richtigeren Grundsätzen als Huygens ausging, auf 23» zu 229,d. i. mehr als noch ein Mal so groß. Die Abplattung beträgt danachoder etwa vier deutsche Meilen.

Es ist leicht zu erachten, daß der fast gleichzeitige Ausspruch einer soneüen Ansicht, welche von den zwei größten Physikern vieler Jahrhunderteals vollkommen übereinstimmend mit den Naturgesetzen, die sie entdeckthatten, ausging, die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen in hohem Gradeauf sich ziehen mußte. Aber wie sollte man diese Ansicht von der Gestaltdes Erdkörpers prüfen ? Nur ein Mittel schien dazu möglich, nämlichdie unmittelbare Beobachtung. Denn die bloß aus der Theorie abgelei-teten Muthmaßungen waren nicht hinreichend, eine vollständige Ueberzeü-gung von der Wahrheit des Satzes zu gewähren; die Erde konnte ja An-fangs ein längliches Ellipsoid, d. i. ein Körper gewesen sein, welcher ent-steht, wenn sich eine Ellipse um ihre große Achse dreht, und vermöge derSchwungkraft die Gestalt einer vollkommenen Kugel angenommen haben.

Ist die Erde eine Kugel, so sind, es möge daran zu erinnern gestattetsein, alle ihre Meridiane Kreislinien, und alle Grade derselben gleichgroß; ist sie dagegen an den Polen zusammengedrückt, so sind die Meri-diane Ellipsen, die nach der Richtung der kleinen Achse hin flacher oderweniger gekrümmt, nach der großen Achse hin aber erhabener sind oderstärkere Krümmung haben; die Gleichheit der Grade hört mithin auf.Je flacher ein Kreisbogen ist, desto größer ist sein Krümmungshalbmesserund mithin der Kreis, dem er angehört; je stärker gekrümmt, desto kleiner