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Die blühendsten Reiche des Ostens, Chinaund Indien, sind von der Natur nicht durchgroße Entfernung geschieden, und dennoch gibtes fast keine Region des Erdkreises, wo die ge-genseitige Verbindung durch schreckbarcre Hin-dernisse gehemmt wäre. Das Himmella-jah-Gebirge mit seinen Riesenhäuptern vonewigem Eis und Schnee scheint als Wächteraufgestellt zu seyn, um von beiden Seilen denDurchgang abzuwehren. Ob in den Thal-schluchten zwischen dem Dhawalagiri (d. i.weiße Berg) bis zu dem Mus-Tagh (d. i.Schnecsitz, Eisgebirg) im Westen, und demHindu-Noi (d. i. Mondshaupt) im Osten,wo nur Gefahr und Schrecken thronet, Men-schen wohnten, blieb bis zum Anfange des 17.Jahrhunderts ein Räthsel.
Allein den christlichen Missionarien aus demOrden der Gesellschaft Jesu war kein Ziel zuhoch, wenn es galt, die Lehre des Welthcilandszu verbreiten; so ward auch dieses für unnber-steigbar gehaltene Gebirge von ihnen bereiset.
1624 Im Jahre 1624 unternahm der spanischeJesuit Antonio d'Andrada die erste Fuß-reise nach Thibet, und machte durch seinen aus-führlichen Bericht über die Sitten und Gebräu-che derHimmellajahbewohncr und besonders überderen religiöse Begriffe eine Menge falscherVorurtheile verschwinden. Seine Beschreibungvon den in Felsen gehauenen und mit Lampenerhellten Pagoden, von den Götzen und derenPriestern, ist eben so anziehend und belehrend,als die Schilderung eines Pogis (Jogues)unterhaltend, der mit seinen struppigen Haaren,