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der Proceß, und die Eonclusionsschrift betrug allein sechzig Folio-bogen.
An Zeugen und Sachverständige standen unter andern vor denSchranken des Gerichtes außer dem oberwähnten OrtsschulmeisterBeutelspacher, der Todtengräber und die Glaserssrau Reinbold, derZiegler Leibbrand aus Leonberg und der Schneider der KatharinaKeßler, Daniel Schmid, dann Victor Hecht, Provisor des Schulmei-sters Beutelspacher, als Zeuge für die Reinboldin; als Gerichts-beisitzer waren beigezogen: ein Verwandter der Angeklagten, NamensFink und HerrJosenhanns — endlich stimmte leider ihr eigener SohnHeinrich ihren Feinden bei. Er war mit Weib und Kind aus demKriege gekommen und hatte bei ihr keine Ausnahme gefunden.
Der große Astronom in Linz fühlte aber die Wunde, welcheman mit diesem Angriffe auf seine Mutter auch ihm schlagen wollte,tief. »Bisher,« schrieb er an den herzoglichen Bice-Kanzler Se-bastian Faber in Stuttgart , »bin ich mit unbescholtenem Rufe durchdas Leben hingeschisft, als im vorigen Jahre ein plötzlich ausgcbro-chenes Gewitter mein Schisflein gegen die gefahrvollsten Klippentrieb; dieser Sturm traf nicht sowohl mich selbst, als meine unglück-liche Mutter, von der jedoch jeder Schade auf den Sohn fällt.
»Indem ich von allen Hilfsmitteln verlassen mich umsehe,wage ich es, mich Ihrem Wohlwollen zu empfehlen.«
In der That bewirkte dieses Gesuch, daß der Oberrath in Wür-temberg stillschweigend erkannte, daß er sich in dieser Angelegenheitübereilt hatte.
Aber die Feinde des Katherchens von Leonberg strengten jetztalle Kräfte an, damit ihnen das Opfer ihrer Verfolgungssucht nichtentgehe. Sie selbst wollte, eine fast männliche Entschlossenheit undEhrenhaftigkeit an den Tag legend, nicht länger durch die Flucht denVerdacht aus sich laden, daß sie sich schuldig fühle, und kehrte, trotzden innigsten Bitten ihres edlen Sohnes, nach Leonberg zurück.