Band 
[Band 1.]
Seite
377
JPEG-Download
 

377

Stoß ab. Um ihn aus diesem lethargischen Schlaft zu reissen, rüstete das Lon-doner Cabinet eiligst eine Flotte aus und übergab den Oberbefehl dem CommodoreSidney-Smith. Allein gleichzeitig ertheilte Napoleon dem General Junot denBefehl, in Portugal einzurücken, ohne Aufenthalt eines Tages geradezu auf dieHauptstadt zu marschiren und sich derselben noch vor der Ankunft der Engländerzu bemächtigen. Junot vollzog diesen Auftrag auf das Genaueste.

Es konnten zwei Wege eingeschlagen werden: entweder sogleich die Maskeabzunehmen, der geraden Straße von Salamanca über Ciudad-Nodrigo nachLissabon zu folgen, Almeida durch Ueberfall zu nehmen und sich über Celericoin eine 5V Stunden lange Kette von Schluchten und Dcfileen zu senken; oderseinen Plan geheim zu halten, bis zum Tajo entlang der Grenzen zu ziehen unddann querfeldein bis nach Lissabon zu eilen.

Junot entschied sich für die letztere Combination, als mehr geeignet, dieverderbliche Sicherheit der portugiesischen Regierung zu erhalten. Er setzte seineArmee in Marsch, indem er das Gerücht verbreitete, es gelte einer gegenGibraltar gerichteten Expedition. In 5 Tagen erreichte er Alcantara. Mit glei-cher Schnelligkeit überschritt er hier den Hcrfas, welcher beide Königreiche trennt,und rückte gegen Abrantes.

Während 5 Tagen durchzog die französische Armee ein verlassenes und un-fruchtbares Land. Unaufhörlicher Regen erschwerte den Marsch und das Aus-treten der Zuflüsse des Tajo hielt die Zufuhren und die Artillerie plötzlich auf.Es fehlte an Lebensmitteln und die Subsistenz ward nur dadurch möglich, daßman den wenigen Bewohnern dieser unglücklichen Gegend ihre armseligen Vorrätheentriß. Endlich erreichte man Abrantes, ohne auf einen portugiesischen Soldatenzu stoßen. Junot organisirte ein Corps von 7 bis 8000 Mann und nahm Stel-lung bei Punhete. Von hier aus forderte er, flankirt durch den Zizere und denTajo, die portugiesische Regierung, welche kaum Nachrichten hatte, daß ihrGebiet besetzt war, zur Uebergabe von Lissabon auf.

An demselben Tage erschien die englische Flotte an der Mündung des Tajo,wo ihr die Einfahrt verweigert wurde. Der Hof erklärte sich bestimmter für denBruch mit England, in der Hoffnung, hierdurch den dringenden Forderun-gen des Kaisers zu genügen. Aus diesen Akt der Schwäche antwortete Sidney-Smith unmittelbar durch Eröffnung der Feindseligkeiten: zu Lissabon herrschteunglückliche Verwirrung; es befand sich außer Stande, zwischen den zwei drohen-den Gefahren zu wählen; keine Maßregel war getroffen; gleichwohl bot eineBesatzung von 10,000 Mann, unterstützt durch den Aufschwung einer Stadt von200,000 Seelen und durch die jeden Augenblick erwartete Landung der englischenTruppen, die Mittel zu einem kräftigen Widerstände. Allein auf Junot's drin-gendes Begehren verschwanden diese Hilfsmittel und die königliche Familie gabder Welt ein klägliches Schauspiel. Sie verließ ihren Pallast, zog unter Thränennach dem Ufer und schiffte sich auf die englischen Fahrzeuge ein. Man erfuhr, daßsie Europa mit Brasilien vertausche und ein ganzes Volk, gerührt durch so vielUnglück, hatte ihr nichts anzubieten, als eitle Wünsche.

49 *