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Leben und Charakterzüge Leonhard Usteri's : weiland Professor's der Theologie und Chorherr'n der Stift zum Grossenmünster : zum dankbaren Andenken der vor fünfzig Jahren von ihm gestifteten Zürcherschen Töchterschule / [von der Gesellschaft auf der Chorherrenstube]
Entstehung
Seite
21
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den,, und sie abzulenken von gefährlichen Abwegen, davon möge nachfolgende Stelle eines Briefes zeu-gen , den die treffliche Goßweiler bei.Veranlaßung des hämischen Urtheils einer gewissen alles bekritteln-den vornehmen Dame über diese Anstalt, als ob durch dieselbe, oder auch durch die Schuld derLehrerin selbst, eitle Lesesucht zum Nachtheil der häuslichen Geschäftigkeit und stillen Sittsamkeit,aufgeregt würde im weiblichen Herzen, an ihren Usteri schrieb:Was auch (so heißt es da) dieKlagen, die das Gespräch über unsre Schule in sich fasset, für einen Ursprung haben mögen, sotreffen Sie das Institut so wenig als mich, und mich so wenig, als ein Kind in der Wiege.Ich glaube auch keck behaupten zu dürfen, daß diese Dame weder vom Wesentlichen dieser Anstalt,noch von meiner Wenigkeit, noch von dem, worauf die Töchter gewiesen werden, nur dieOber- stäche kenne, oder wenn sie diese auch kennte, sich die Mühe geben möchte, in das Innere derSache einzudringen. Oder sagen Sie mir, theuerster Herr Professor, könnte ich wohl mehreresthun um die Lesesucht bey meinen Schülerinnen zu entkräften, und ihnen die Arbeitsamkeit, diehäusliche Geschäftigkeit zu empfehlen, als ich biSdahin gethan habe? Niemahls haben Sie vonmir gehört, daß ich irgend einem Frauenzimmer -aS Lesen als ein Verdienst angerechnet, obwohles in gewissen Situationen manchem als ein solches angerechnet werden dürfte. Wie oft hinge-gen sage ich ihnen, daß, wenn sie über dem Lesen ein Geschäft, das ihnen ihre Eltern oderLehrer auftragen vernachläßigen würden, eS ihnen zu eben so großer Schande gereiche, als wenn sieunterdessen mit der Puppe spielen, oder auf der Gaffe herumlaufen, oder sonst etwas Unnützes treibenwürden; daß alle diejenigen, die durch das Lesen nicht zu keßrer Erfüllung ihrer häuslichenGeschäfte und kindlichen Pflichten angetrieben werden, die Zeit, die sie mit dem Lesen zubringen,gleichsam todten, und das für sich in Gift verwandeln, was zu ihrer Erholung dienen, und sievon jugendlichen Unarten heilen, oder vor dergleichen sichern sollte; sage ihnen oft, daß sie mirja kein Buch abfordern sollen, wenn sie über dem Lesen desselben ihre Geschäfte versäumen wür«den; lobe die laut, die mir bei der Zurückgabe eines Buches sagen, sie verlangen jetzt keines,weil. sie bey Hause andres zu schaffen haben. Versäumt eine die Schule oft, oder setzt ihreArbeit für dieselbe hintan, oder ist sie früher, alö mich schicklich däucht, mit dem Lesen einesBuches fertig, so wird sie für eine Weile abgewiesen. Unlängst sagte ich einer, die einen zer-rißnen Rock trug, inS Ohr: Töchter von ihrem Alter, die entweder noch nicht die Geschicklichkeithätten ihre Kleider auszubessern, oder sagen möchten, sie haben dazu keine Zeit, denen stehe dasj,Bücherlesen sehr übel an. Und wie vieles von der Art könnte ich anführen, und wie oft undmit wie viel Theilnehmung und Ueberzeugung rede ich zu unsern Schülerinnen von dem Schönen,Guten und Angenehmen, dem Nutzen, der Ehre der Arbeitsamkeit und häuslichen Geschäftigkeit,um sie ihnen zu empfehlen, wende alle Beyspiele des Fleißes, von denen ich höre oder lese, zudiesem Zwecke an, mache diesen Punkt zum Gegenstand der meisten Aufsätze, die ich ihnendiktiere. Ist das nicht mein Steckenpferd, auf dem ich vielleicht nur allzuviel hcrumgallopiere?UebrigenS bitte ich Sie, verehrungSwürdiger Freund, so angelegentlich, als ich Gott um dieErhaltung Ihres theuern Lebens bitte, daß Sie da, wo Sie Tadel nöthig finden, denselben anmir nicht sparen. Das ist die größte Wohlthat, die mir erwiesen werden kann. Und wer könnteoder würde sie mir auf eine bessere, edlere, der Natur meiner Seele angemeßnere Art erweisenkönnen, als ein Mann von Ihren Einsichten, Gesinnungen und Charakter? Ich weiß geradezunichts, das meine Tage mehr trüben würde, als wenn ich mir jemahls sagen müßte: durch