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2 (1847) Fünfzehn Friedensjahre. Aufenthalt in Russland, Rückkehr 1830. Feldmarschall Graf Gneisenau und General der Infanterie von Grolman. Die Citadelle von Antwerpen vom October 1830 bis Ende 1832. Aufenthalt in Holland / von Wilhelm von Rahden
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Bist Du jedoch unerbittlich, nun so rathe ich Dir, überschlage die näch-sten vier bis fünf Blätter. Es ist zwar der Gedanke sehr unangenehm,daß solche Lesart wirklich eintreten könnte, doch immer ist es besser, daß iches im Voraus angedeutet, als daß Du mit Unwillen und eigenmächtigdies sogenannte Lesen mit den Fingern einführst. Ich kann jedoch mei-nem Dränge nicht widerstehen, dem gemüthlichen Andenken zu schnell ent-flohener Jugendfreudcn den letzten, leider den allerletzten Tribut zu zollen.

Seit meiner Rückkehr in's liebe Mutterland traten alle die zarterenGefühle und Empfindungen, welche das Kriegslebcn zurückgedrängt hatte,um so mächtiger in ihre Rechte. Meine Mutter und die Angehörigenalle in Breslau und Neiße hatte ich besucht, aber ich eilte gern nachGlogau zurück, wo ich, bei geringer Fernsicht, über mein kommendes Ge-schick und was davon abhängig nur wenig besorgt, von dem Frohen undAngenehmen angezogen und gefesselt wurde.

Das glückliche Verhältniß in dem Familienkreise meines rechtschaffe-nen Commandeurs bezeichnete den Glanzpunkt. Außer dem innigstenDank für des treuen Freundes Rath und Leitung erfüllte immer mehrdie hohe Achtung für ächte und wahre Würde der Frauen meine Seele.Wenn tiefes Gemüth, erhabene Milde und geistige Intelligenz die Grund-züge eines weiblichen Charakters bilden, dann freilich kann nur die reichsteAusbeute im steten Umgänge mit demselben zu finden sein. Unter sol-cher Pflege crblüheten meinem inneren Leben immer neue Freuden, undauch die fernen Jahre und Beziehungen zu der vortrefflichen Familie mei-Uer Pflcgcältcrn entsproßtcn und dufteten nunmehr, gleich Veilchen undSchneeglöckchen, meinen Erinnerungen.

Heitere, ungetrübte Rückblicke auf die schönen Jugcndjahre gewähr-en mir demnach innige Genugthuung, und nur beklagte ich, daß Ver-hältnisse mich schon seit langer Zeit von einer so achtbaren Familie ge-keimt hatten. Der edle Mann, das Haupt derselben, war, wie wir wis-sen, längst todt, die Güter verkauft, die Mutter und vier Töchter leb-en in ländlicher Zurückgczogcnhcit. Nur eine der letzteren hatte gehci-*athet, aber Alle befanden sich glücklich in gänzlicher Abgeschiedenheit von^ Welt mit ihrem oft nur ermüdenden Treiben.

Ich theilte meinen gütigen Gönnern alle diese Details mit, und im

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