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2 (1847) Fünfzehn Friedensjahre. Aufenthalt in Russland, Rückkehr 1830. Feldmarschall Graf Gneisenau und General der Infanterie von Grolman. Die Citadelle von Antwerpen vom October 1830 bis Ende 1832. Aufenthalt in Holland / von Wilhelm von Rahden
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Interesse meines innigsten Wunsches, die so lange unterbrochene Verbin-dung wieder anzuknüpfen, wurde ich nun mit dem entschiedensten Wohl-wollen sogleich dahin bestimmt, daß ich ohne Zögern nach dem bezeich-neten Landsitze abreisen mußte, wo eben alle Mitglieder der Familie ver-sammelt waren.

Eines schönen Frühlingsmorgens hielt ich in Gr.-K. vor dem freund-lich gelegenen Landhause, und unbemerkt hatte ich mich bis auf einigewenige Schritte dem grünen dunkeln Laubbogen genähert, unter wel-chem meine Pflegemutter und sämmtliche Schwestern mit weiblichen Ar-beiten beschäftigt waren. Im lebhaften Gespräch saßen alle traulich bei-sammen; ich hörte mehrmals meinen Namen nennen, und Wonnen durch-zittertcn des Sohnes und Bruders volles Herz. Trotz zehnjähriger Tren-nung erkannte ich jede Einzelne. Die mütterliche Pflegerin meiner Kind-heit war zur Matrone gealtert; herbe Erfahrungen hatten dies schnellerals der Gang der Zeit bewirkt. Meine lieben Schwestern waren allezu stattlichen Damen herangereift. Fricdchen, die glücklich Verheirathetc,wiegte ein kleines Kind in den Armen, und ein zweijähriger Bub' lehntebei der Großmama. Eine der drei anderen Jugcndgespielinncn saß imponceaurothen Stiftsklcide mit einem weißen Kreuzchcn auf der Brust;ihr schlug mein Bruderherz in mächtigem Pulsschlag entgegen, und ohnelängeres Säumen trat ich schnell in den gemüthlichen Kreis meiner Lie-ben. Zehn Jahre verschwanden gleich einem Augenblicke, und mit demfreudigen Ausruf:Es ist Bruder Wilhelm!" ward ich umschlungen, undliebe Mutter! theure Schwestern!" war meine schluchzende Entgegnung.

Wie wohlthuend war jetzt in diesem Augenblicke des Wiedersehensfür mich die Ueberzeugung, daß ich nun als kräftiger und erprobter Sol-dat unter den Meinen stand, und der Vater von da oben freudig aufden Sohn und Pflegling herabschaute; denn nicht wie jene Unglücklichenin der tiefsten Erniedrigung des Vaterlandes war ich heimgekehrt, son-dern geschmückt mit Zeugen und Zeichen des glorreich bestandenen Kam-pfes zur höchsten Erhebung Preußens.

Die wenigen Tage meines Aufenthaltes in Gr.-K. schwanden wieMinuten; Mutter und Schwestern, auf mein Kommen durch ein freund-liches Bricfchen, das vermuthlich die gütige Gönnerin aus Glogau go-