Gewiß ist es noch Vielen in guten: Andenken, daß im Sommer 1818die damalige Kaiserin Mutter von Rußland, geborne Prinzessin von Wür-tcmberg, ihre letzte Reise von St. Petersburg nach ihrer Heimath Stutt-gart unternahm, und mit ächt kaiserlichem Pomp und in huldreichsterhoher Fraucnwürdc Aug' und Herz der Millionen entzückte, welche da-mals die immer noch sehr schöne Dame gesehen haben. Alle fühltensich von den mächtigen Banden, mit welchen hochherzige Fürstinnen undPrinzessinnen wie mit magischer Zauberkraft zu fesseln wissen, von Be-wunderung und Ehrfurcht ergriffen und durchdrungen. — Es ist eingar schönes Bild, das nur durch meine Darstellung etwas Schwerfäl-liges in Ausführung und Colorit erhalten hat, ein schönes Bild, wie-derhole ich, wenn man die gleich einem breiten Goldstrom durch einenTheil von Europa dahinziehende Reisctour in's Auge faßt, welche dieKaiserin Marie damals zurückgelegt. Ich glaube gehört zu haben, daßdiese Vergnügungsreise 60 Millionen, vermuthlich Papierrubcl, gekostethat. Ucbcrall klangen Jubel- und Fcicrtöne, überall wurde die hoheKaiserliche Reisende mit allem dem glänzenden Auswandc und den ehr-furchtsvollsten Huldigungen begrüßt und empfangen, welche das Erscheinender Mutter des mächtigen Czarcn hervorrief, und die auch von den betref-fenden Regierungen zu ihrer eigenen Würde und Ehre beobachtet wurden.
So auch in Breslau, wo um so eher rauschende und glänzende Em-pfangsfeste arrangirt werden konnten, da die sämmtlichen Truppen desdortigen Armee-Corps eben zum Herbstmanocuvrc bei genanntem Orteversammelt waren.
Zu einem großen Diner und Ball im Königlichen Negicrungsgc-baude vereinigten sich die geladenen Landstände Schlesiens und die ver-schiedenen Officier-Corps. Dort ereignete es sich, daß die Kaiserin beimraschen Aufbruch von der Tafel ihre Lorgnette, deren sie sich stets be-diente, liegen ließ. Augenblicklich stürzten sich mehrere junge Officicre,welche dies bemerkt hatten, nach dem kleinen unscheinbaren, und doch sowerthvollen Gegenstände, denn die wunderschöne Hand der Kaiserin hatteauf derselben geruhet. Der Glückliche, welcher diese Trophäe errungen,hatte nur einen Wunsch, nur einen Gedanken, dieselbe der Kaiserin ehr-furchtsvoll überreichen zu können.