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2 (1847) Fünfzehn Friedensjahre. Aufenthalt in Russland, Rückkehr 1830. Feldmarschall Graf Gneisenau und General der Infanterie von Grolman. Die Citadelle von Antwerpen vom October 1830 bis Ende 1832. Aufenthalt in Holland / von Wilhelm von Rahden
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deshalb von Werth, weil die wunderschöne Hand der erhabenen und nochso reizenden Kaiserin auf der Lorgnette geruht, und der huldreiche Blickder wunderschönen Augen, der durch diese Gläser firirt wurde, für den,welchen er traf, einen unnennbaren Zauber gewann.

Hätte der junge und recht hübsche Mann mit Besonnenheit und Ueber-legung im entscheidenden Momente gehandelt, wäre er augenblicklich selbstder Kaiserin nachgeeilt, und hätte im ehrfurchtsvollsten, aber offenen Be-kenntnisse seiner Uebcreilung, die ganz allein nur von fast überirdischerVerehrung und anbetungsgleichcr Bewunderung herbeigeführt worden sei,die Lorgnette zu Füßen derselben niedergelegt, wer konnte es ermessen, frageich, ob nicht die Huld einer solch' schönen Frau und hochherzigen Kai-serin etwas ganz Ungewöhnliches für den jungen Mann gethan habenwürde. Auf dem Throne selbst bleibt es das wohlthucndste Gefühl,für dargebrachte Opfer der Huldigung, welche reines Entzücken und Be-wunderung hervorriefen, zu danken, und im zarten Frauenherzcn einerhohen Kaiserin bleiben Empfindungen der Eigenliebe wach und tönen an-genehm wieder; wer weiß, sage ich nochmals, ob nicht, in Berücksich-tigung dieser Umstände, ein kräftiges Benehmen des jungen Officicrs huld-reichst gewürdigt und belohnt worden wäre. Der dazu einzig günstige Mo-ment war aber ungenützt entflohen, der fernere Erfolg sehr unangenehm,und die Welt, welche nur nach solchem zu urtheilen gewohnt ist, meistenshart und in ihrem Urtheile entschieden unfreundlichen Sinnes. Deshalbwar auch mir die ganze Geschichte sehr unangenehm.

Es bedurfte nun nur noch eines leisen äußeren Anstoßes, eines hal-ben Vorwandcs, um meinen längst genommenen Entschluß auszuführen.

Dieser ereignete sich sehr bald, und schon Anfangs December verließich Obcrschlesien und stand Mitte desselben Monats in Berlin vor demObersten von Schack, damals einem der einflußreichsten Männer in derResidenz, mit einem besondern Empfehlungsschreiben meines gütigen Ma-jors in der Hand- Ich fand, wie mein Bruder Carl, in diesem vortreff-lichen Mann den eifrigsten und liebevollsten Protcctor; da es aber zuspät war, m den bereits im Octobcr begonnenen Cursus der Kriegs-schule einzutreten: so schickte mich der Oberst von Schack mit einer ein-fachen mündlichen Empfehlung zu dem damaligen Director des zweiten