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und welche mir in der nie vorher geahnten Begeisterung, zu der mich dieherrlichen Vortrüge erhoben, die weichsten und bequemsten Pfühle dünk-ten, hatte ich auf längere Zeit einen Nachbar, blaß, niagcr, trocken undwortkarg in seiner ersten Erscheinung.
Mit wahrem Entzücken, oft in jugendlicher Verzückung, lauschte ichden Vortrügen und suchte jeden geistigen Hauch, jedes Wort des Leh-rers auf mein Papier überzutragen. Ganze Actenstößc in groß FolioZeugen heut noch von jenen Bestrebungen. Vergebliches Bemühen, dennder begeisternde Sinn, der begeisternde Hauch fehlt meinen Acten!
„Bester Herr Kamerad, leihen Sie mir wohl gefälligst auf wenigeStunden ihr Heft?" war der erste Zuspruch meines Nachbars.
Der Ton sprach mir zum Herzen, denn er schien mir mehr als klang-reicher Kehllaut zu seyn. Ich gab dem Nachbar das Heft mit wahremVergnügen.
Mein Nachbar blieb blaß und mager, aber geistreich und immer in-teressanter wurde derselbe. Seine gebundene Rede, die logisch geordnetenSchluß- und Schlagworte, die stcrcotypcnähnliche Schrift, womit er seinestets geregelten Gedanken unmittelbar aus's Blatt zu firircn verstand, undder joviale herzliche Sinn seiner Unterhaltung fesselte mich complet andenselben. Er ward mein guter Kamerad, mein fast täglicher Umgang,und sogar das brüderliche „Du" schien unsere Seelen vereint zu haben.
Und doch war dies gerade mein mguvsi8 göoio. Mit welchemRechte ich dies behaupte, wollen wir im Verfolg meiner Wanderun-Zen sehen.
Meine damaligen so glücklichen Verhältnisse erhielten zuerst einen be-deutenden Stoß durch die ganz unerwartete Neuigkeit, welche mir einesMorgens an meinem Zeichentisch im Bureau mitgetheilt wurde, daß näm-stch unser General von Grolman seinen Abschied genommen habe.
Es ist genugsam bekannt, daß dies in Folge von Uneinigkeiten ge-schah, welche zwischen hohen Staatsbehörden und Staatsdienern überden Fortbestand des Landwehr-Instituts stattgefunden hatten.
Ueber die eigentliche und wahre Tragweite des Verlustes, welcherdurch den Abgang des Generals von Grolman der Armee und nament-stch dem Generalstabe, dessen dirigircnder Chef und Begründer er war,