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mich etwas verbindlicher, als gewöhnlich geschah; es galt jedoch der Fahne,die dicht neben mir flatterte. Mein Name wurde ihm genannt, doch gingder Herr schweigend weiter.
Ein großer starker Scconde-Lieutenant, vollen rothen Angesichtes undschönen schwarzen Bartes, stand am rechten Flügel des zweiten ZugesMeiner Compagnie. Der König fragte: „Wie heißt der Capi-tal»? " Augenblicklich wurde von Mehrern geantwortet: „Ew. Majestät,ls ist per Seconde-Lieutenant Gvtthvld."
Die Zeiten Friedrichs des Großen waren längst vorüber, sonst hätteder Lieutenant den wahrlich beim Hochscligen Herrn höchst seltenen Irr-thum in dieser Beziehung wohl benutzen können, denn Gotthold war,trotz seiner äußeren Wohlbeleibthcit, sehr gewandten Geistes. Und schade,setze ich wegen dieses Falles hinzu, daß wir nicht mehr im vorigen Jahr-hundert lebten, denn Gotthold war ein tüchtig praktischer Offner, trugdas eiserne Kreuz, das er sich als Feldwebel verdient hatte, mit großenEhren, und war nächstdem ein jovialer, liebenswürdiger Kanierad. —Lange würde ihm dieses Glück freilich nicht genutzt haben, denn er istschon vor vielen Jahren und ohne Hauptmannspatent bei Charon's KahneZugekommen.
Was noch ferner sich zugetragen, konnte ich weder hören noch sehen,denn unter'm Gewehr soll man nur das Commando vernehmen (natür-^ch so wenig wie möglich denken, denn Denken zerstreut), und sehen kannUran nichts, als was unmittelbar in vertikaler Richtung vor den Augenkllschicht; nur wenn das Commando: „Augen links!" erfolgt ist, darfUran in per angegebenen Richtung, gewöhnlich in einem Winkel von10 Graden mit der Grundlinie des Bataillons, die Schstrahlcn firircn.
Einige Tage später wurden sämmtliche Offnere der beiden Lehr-Ba-taillone zum damaligen Prinzen Wilhelm, Sohn des Königs, zur Ta-sU befohlen, wo wir auch den Monarchen als Gast fanden. Auf solche'Weise wurde die Herkömmlichst, daß Subalternen, Lieutenants undHauptleute, nicht der Ehre theilhaftig werden können, Leim Könige zuspeisen, umgangen.
Es war augenscheinlich, daß der Monarch die Absicht hatte, die Neu-angekommenen Offnere einzeln kennen zu lernen. An der einen Seite