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Handbuch der vergleichenden Statistik der Völkerzustands- und Staatenkunde : für den allgemeinen praktischen Gebrauch / von G. Fr. Kolb
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DEUTSCHLAND. Land und Leute. Auswanderungen.

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Auswanderungen. Ausser Irland hat kein LandEuröpas eine solcheVölkerausWanderung gesehen, wie Deutschland. Die natürlicheNeigung des germanischen Stammes zur Wanderung war es nicht allein,was diesen colossalen Exodus erzeugte : sociales und politisches Uebel-befinden wirkte gewaltig mit, um ihn herbeizuführen. Die Auswande-rungen aus Deutschland wurden um die Mitte der 1850er Jahre sogarzahlreicher, als die aus Irland. Die ungünstigen Nachrichten aus denVereinigten Staaten bewirkten zwar im Jahre 1855 eine bedeutende Ver-minderung; gegen 18,000 Ausgewanderte kehrten sogar in ihre alteHeimath zurück. Auch fand seitdem nur ein sehr verminderter Fortzugstatt. Doch auch in dieser Verringerung ist er noch immer ungemeingross. Alle Schätzungen über die Grösse der Auswanderung könnennur als annähernd richtig gelten. Nach Otto Hübner s Berechnungen,die wir indess nach andern Materialien in einigen Angaben modificirenund ergänzen, betrug die Gesammtsumme der Auswanderer ausDeutschland nach den Ver. Staaten:

1843 :

74,090

1851

112,547

1857 :

115,970

1840 :

94,581

1852

102,301

1858 :

53,206

1847 :

109,531

1853

157,180

1859 :

45,100

1848 :

81,895

1S54

251,931

1800 :

49,609

1849 :

89,102

1855

81,098

1801 :

35,427

1850 :

82,404

1850

98,573

Bei den letzten Summen fehlt die Zahl der über Havre Fortgezogenen.

Von 181955 war die Gesammtsumme, so weit sich dieselbe be-rechnen liess (nach Gäbler) 1799,S53. Bringt man diejiäufig nicht ein-gerechneten Preussen und Deutsch-Oesterreicher überall mit in An-schlag ; berücksichtigt man, wie viele Auswanderer auch noch nach an-dern Ländern, namentlich dem Britischen Nordamerika, Südamerika,Australien, sogar Algerien wanderten; erwägt man dabei, dass es in derRegel gerade der jugendfrischeste und kräftigste Theil unseres Volkes ist,der auswandert, so mag man sich einen Begriff von der UngeheuernGrösse des Verlustes bilden. Will man nur das allermateriellste Momentins Auge fassen, so berechne man, wie viele Millionen Thlr. nöthig wa-ren, die Fortgewanderten von der Kindheit bis zum Alter der Arbeits-fähigkeit zu erziehen. Wenn unsere Nation trotz dieser enormen Ein-busse noch keineswegs verkümmert oder verkrüppelt ist; wenn sie trotzalledem noch immer weit mehr Elemente der Kraft in sich schliesst, alsjede andere Nation; so liegt darin der beste Beweis von der physischenund moralischen Trefflichkeit fast Unverwüstlichkeit der Deut-schen, und eine sprechende Andeutung, was diese Nation sein könnte!

Städte. Deutschland steht nicht nur England, sondern selbst Frank-reich entschieden nach an ganz grossen Städten. Wir besitzen derenzwei von mehr als einer halben Million Einw.: Wien mit 580,000,und Berlin mit 548,000 (neueste Zählung 029,000), dagegen keine zwi-schen 200 und 500,000. Und doch erfreut sich das Städtevvesen inDeutschland noch immer einer weit grösseren Bltlthe als im westlichenNachbarlande. Städte mit einer Bevölkerung zwischen 100 und 200,000Menschen sind 7 vorhanden: Hamburgmit 180,000, München 14 7,000,Prag 142,000, Breslau 140,000, Dresden 128,000, Cöln 120,000,