90
und den Contregarden vorhanden, und die Bollwerke der Citadelle waren noch unbe-rührt. Man führte zur Entschuldigung an: dafs man sich genöthiget gesehen einenTheil der Armee gegen den Herzog von Savoyen zu senden. Allein die Nothwen-digkeit davon -war schwer zu erweisen; vielmehr iag am Tage, dafs man thöricht ge-handelt hatte. Der Herzog von Orleans tadelte gleichmäfsig die zum Angriff gewählteSeite. Er war der Meinung derer, die schon so oft fruchtlos behauptet hatten: „man„müsse zuerst sich der Stadt bemächtigen.“
Am 31. liefs der Herzog von la Feuillade die beiden Contregarden und dasRavelin am hellen Tage stürmen. Sie wurden erobert, aber auch durch einen muth«vollen Angriff der Besatzung augenblicklich wieder verlohren. Wir verlohren ohneNutzen viele Leute, besonders viele Officiers dabei. Die Belagerungsarbeiten gingen ih-ren gewöhnlichen Gang. In der Nacht des 4.—5, ward eine Batterie von 4 Kanonenlinks des Ravelins fertig, welche durch die Oeffnung zwischen letzterem und der Con-tregarde das Bollwerk St.Mauricio beschofs, und am 6. schon einen bedeutenden Theilder Futtermauer nieder geworfen hatte, als der Prinz Eugen über die Dora ging,um die Linien zwischen diesem Flufs und der Stura anzugreifen.
In dem bei seiner Ankunft vor Turin versammelten Kriegsrath hatte der Herzogvon Orleans die Meinung aufgestellet: man müsse blos die zu Besetzung der Lauf-gräben nöthigen Truppen, und, ein Corps auf der andern Seite des Po zu Beobachtungder Milizen zurück lassen: mit der Armee selbst aber dem Feinde entgegen gehen.Der Marschal Marsin hingegen wollte in den Linien stehen bleiben, und sein Vor-schlag ward angenommen. Man sagte damals: der Marschal habe eine geheime Ordrevorgezeiget, um seine Meinung geltend zu machen. Wie dem auch sey: sobald manin den Linien stehen bleiben wollte, war die Sorge für den Unterhalt die Erste undwichtigste; denn es fehlte, sonderbar genug! der Armee an Mehl. Man glaubte ohneZweifel durch Anordnung einer grofsen Zufuhre die von Susa kam, und die man täg-lich erwartete, alles gethan zu haben. Seitdem aber der Feind am “4. September überden Po gegangen war, um nach Bienasco am Sangone zu marscluren, mufste manauf die Sicherheit jener Zufulire denken, die 6 Stunden Weges zwischen der Doraund Stura zu machen hatte; mufste die Bedeckung unter dem Herrn von Bonnellenicht mehr für hinreichend halten. Hieraus ging die Nothwendigkeit hervor: eineArmeeabtheilung entgegen zu schicken. Dies hätte die doppelte Wirkung gehabt: dieZufuhre zu erhalten, und den Uebergang des Feindes über die Dora zu hindern, oderihn -wenigstens zu einem Umwege zu nöthigen, um es weiter oberhalb zu versuchen.Man gewann dadurch mehr Zeit, die wahre Absicht des Feindes zu errathen. Dieserhätte nun zwei Märsche bedurft um die Linien anzugreifen, anstatt Eines; er hätte zu-gleich ein starkes Corps zwischen der Dora und der Stura vor sich gefunden; und