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II. Abtheilung. Das Thierrcich.
Bis in das 13. Jahrhundert drängten sich die Häringe an der pommerschenKüste in solchen Massen zusammen, daß man sie, wie erzählt wird, mitden Händen fangen konnte. Dies geht auch aus einer Urkunde von 1266hervor, in welcher Barnim I., Herzog in Pommern, der Stadt Colberg dieFreiheit, ohne Abtragung eines Zolles Heringe zu fangen, ertheilt hat.Duisburg's Ordenschronik vom Jahre 1313 sagt dagegen 47 Jahre spä-ter: „In diesem Jahre hat man an Heringen, welche von undenklichenZeiten her in Preußen so überflüssig gewesen sind, einen Mangel gehabt."Im Jahre 1124 kostete in Pommern ein ganzer Wagen voll frischer He-ringe nicht mehr als einen Pfennig, wie der Biograph des Bischofs Ottovon Bamberg berichtet. In späteren Zeiten zogen die Heringe mehr nachder preußischen, kurländischen und liefländischen Küste und, wie wir obenschon gesehen haben, von da im Jahre 1313 nach der Küste von Schonenund endlich nach der norwegischen Küste, wo sie sich ebenfalls, wie an derpommerschen, in so gedrängten Schaaren gezeigt haben sollen, daß man siemit den Händen fangen konnte. Doch waren sie schon im 10. Jahrhundertan den norwegischen Küsten sehr häufig und überhaupt änderten sich oftihre Züge, was natürlich die Fischer am schmerzlichsten fühlen mußten.Im 14. Jahrhundert wurden bisweilen mehrere Tausend europäische Fahr-zeuge an der Küste Norwegens gezählt, die sich zum Fange und Einkaufehier versammelten. Die Gestade der umliegenden Inseln waren mit un-zähligen Fischerhütten bedeckt. Lübeck hielt schon vor der Mitte des 13.Jahrhunderts einen eigenen Vogt an der schonenschen Küste, der auf denHeringsmärkten in Falsterbo und Skanör die untere Gerichtsbarkeit überdie lübecker Heringssänger ausübte. Der Vogt bekam zu seiner Besoldung31 Mark Pfennige und zu Geschenken an die schonenschen Herren ein hal-bes Dutzend Unterkleider und ein Faß Wein. Nachdem seit der Mitte des13. Jahrhunderts auch die Holländer die norwegischen und dänischen Küstendes Heringsfanges halber besucht hatten, wurde denen aus Amsterdam, Enk-huizen und Wieringen 1368 ein Stück Land an der Küste Schönens jenesZweckes wegen eingeräumt, was die aus Campen (in der Nähe des Zuyder-sees) schon früher erlangt hatten.
Unser hauptsächlichstes Augenmerk haben wir aber auf die englischenund schottischen Küsten zu richten; hier waren vor Allen die Holländer mitihren Schiffen auf dem Fang und diese Küsten wurden die Goldgrube fürHolland. Schon oben sagten wir, daß die Richtung der Heringszüge sichnicht überall gleich ist, sondern daß sich dieselben mitunter eben so stark nach