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12 (1860) Franz Baader's Erläuterungen zu sämmtlichen Schriften Louis Claude de Saint-Martin's / herausgegeben von Friedrich von Osten-Sacken
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Wendigkeit selbst des Daseins dieser unzählbaren und heilsamenWege zieht keineswegs die Vostellung eines blinden und unszwingenden Geschicks nach sich, da diese Nothwendigkeit einnoch nothwendigeres Gesetz vor sich findet: das der Liebe. Dennbekennen wir es hier mit einer hinreissenden und heiligen Kühn-heit, Gott selbst ist rücksichtlich all seiner Geschöpfe in demSchicksalszwange der ewigen Liebe, welche ihn an dieselben bindet,ohne sich von ihnen ablösen zu können. Aber wie weit ist diesesGeschick, das er sich selbst auferlegt (denn er hat sich dieseSolidarität selber frei gemacht, füge ich hinzu), als die eigeneQuelle seiner Neigungen, wie weit ist, sag ich, dieses Geschick, dassich auf die Allheit seines lebendigen allumfassenden Daseins gründet,entfernt von jenem knechtischen und finsteren Schicksalszwange,mit welchem die Dichter und Philosophen den Schöpfer befleckten,so oft sie uns den Schlüssel der veränderlichen und unwillkür-lichen Bewegungen seines Geschöpfs nicht zu geben gewusst haben!Nichts ist erhabener in ihm, als diese Nothwendigkeit selbst, dennum vollständig die Tiefe seiner Liebe zu zeigen, muss sie unsdie Macht lassen, dem unaufhörlichen Entgegenkommen dieserhöchsten Liebe zu entsprechen oder zu widerstehen, damit dieseLiebe auf einiger Verwandschaft, auf einer Grundlage, die freiwie jene ist, ruhen könne, und damit wir zugleich die Würdeunseres Daseins empfinden, die uns gestattet, nach freiem Willendiese Grundlage sein zu dürfen, auf welcher jenes göttliche undewige Geschick ruhen möge, die Gott zu dem grössten, furcht-barsten und liebenswürdigsten Wesen macht, weil sie ihn immerund unter allen Beziehungen zu dem liebendsten, lebendigstenWesen macht*). Aller Gegenstand ist Basis und muss activ

*) Hätten Kant und Herbart diese tiefe Wahrheit erkannt, so würden816 das Princip der Moral nicht in der practisohen Vernunft oder in idee-bildenden Gedanken des Menschen (Musterbildern des Wollens) gesucht,sondern den heiligen Willen Gottes als das Princip der Moral anerkannthaben. Hätte Spinoza jene Wahrheit erkannt, die er mit blinder Noth-wendigkeit verwechselte, so würde er im Willen Gottes ein unbedingt ge-bietendes Gesetz für freie Wesen erkannt und die Moral nicht einemblinden Determinismus geopfert haben, v. O.