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1 (1851) Franz von Baader's gesammelte Schriften zur philosophischen Erkenntniswissenschaft als speculative Logik / herausgegeben von Franz Hoffmann ...
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XLII
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XLII

selbe erst möglich machten und andererseits doch wieder zu be-haupten, die Begriffe a priori, welche die Erfahrung bedingenoder möglich machen sollen, seien ohne die durch sinnliche Er-scheinung bedingte Erfahrung völlig leer. Nach dieser Lehre istder Verstand ein Inbegriff von inhaltlosen Formen und die Sin-nenwelt ein formloser Stoff. Nun gibt es aber nirgends und inkeiner Sphäre des wirklichen Seins eine inhaltlose Form und inkeiner einen formlosen Inhalt oder Stoff*). Ueberall sind Formund Inhalt beisammen oder ineinander. Hätte der Geist nichtseinen Inhalt in sich selbst, so vermöchte er nie einen ausserihm seienden Inhalt zu begreifen und hätte der ausser dem Geisteseiende Inhalt nicht seine ihm cigcnthiimliche Form, so könnteer nie begriffen werden. Nicht die Behauptung, dass es eineErkenntniss a priori und eine Erkenntniss (Kenntniss) a posteriorigebe, sondern die Begriffsbestimmung der ersteren und die Be-stimmung des Verhältnisses der ersteren zu der zweiten und dieserzu jener ist das Grundirrige in dem Systeme Kants. Gibt eseine Erkenntniss a priori, so kann sie nicht eine bloss formellesein, so muss sic nothvvendig ihren bestimmten Inhalt haben undsomit eine gehaltvolle Erkenntniss sein. Ist alle apriorischeErkenntniss bloss formell und somit gehaltlos, gewinnt die Er-kenntniss nur Gehalt durch das erfahrungsmässige Sinnliche, soist dieses die Hauptsache, der Kern, die eigentliche Substanzalles Erkeuuens, die Philosophie sinkt trotz alles Strüubcns dochzum Empirismus, dann zum Sensualismus und schliesslich zumMaterialismus iierab. Denn es gibt dann keinen anderen Gehalt derErkenntniss, als den aus den Sinnen und der Sinnenwelt stam-menden. Ohne sinnlichen Gehalt ist die Erkenntniss völlig leer,eine hohle Form, ein Schemen oder Schatten. Unter dieser Vor-aussetzung würde cs nicht nur mit dem Gehalte der Logik, son-dern auch mit dem Gehalte der Ethik &c. schlecht bestellt sein.

*) Diese Wahrheit hat auch Schulze mit Feinheit ausgeführt in seinerPsychischen Anthropologie. 3le Auflage (Döttingen, Vandenhoeck u. Kup-recht. 1826) S. 192. Jacohi ohnehin verwarf die Kantische Trennung.Vergl. dessen Werke, II, 263 , »Jede Wahrnehmung ist an sich schon einBegriff. Ih. 272.