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Mensch auf diese Weise zwar eine einzelne Aeusserung seinesWillenscharakters niederzuhalten, diesen selbst aber nicht zu re-formiren oder zu ändern vermag.
Nun kommt es ja aber hier nicht, wie Kant ganz richtigbemerkt, auf eine (mechanische) Abgewöhnung eines bösen Ha-bitus *) (ein Selbstdressiren oder, wie man sagt, auf blosse Sitten),sondern auf eine dynamische oder Radicalkur des Willenscharak-ters an. Und das moralische Gesetz (das auch die Teufel ver-nehmen, und zittern) fordert schlechterdings, dass ich das Gutefreiwillig, natürlich und wie mir angeboren tliun soll. Aber frei-lich bringe ich aus der Analyse dieser Forderung ihre Solutionnicht heraus und zu Stande. — Das allerschärfste, das allerhellsteNachdenken über den Text, „dass ich ein herzlicher Schurke bin“,mag wohl dazu dienen, mich zu einem recht verschmitzten, rechtvernünftigen und gescheidten, consequenten, heuchelnden, oderauch recht kecken, frechen, aufrichtigen Schurken zu bilden, aber
ist es auch allemal die bessere Theorie, die klare, wenn schon nur mo-mentan im Gemiith bestehende Anerkenntnis der Realität dieses höhernLebens, als Causa des niedrigem schamlosen, welche über die schlechteTheorie die Oberhand gewinnt. Anmerk. v. J. 1809. — Kant sprichtübrigens selbst von einer moralischen Lust, welche er der schlechten Lustentgegen setzt, und ohne welche der Mensch es nicht zur moralischenSelbstbestimmung brachte Lust ist aber Leben. — Uebrjgens verstehtman nichts von dem Gegensatz der guten und schlechten Lust und Unlust,wenn man nicht beide in den drei Stadien der dem Willen vorlaufenden,der den Willcnsentschluss begleitenden und der ihm folgenden (conflr-mirenden) Lust und Unlust kennt. Eine Kenntniss, an der es noch sehrgehricht. Amnerk. v. J. 1830.
*) Nur nachdem das Princip einer Krankheit einmal gehoben, derKopf der Schlange einmal getüdtet ist, kann der noch übrig gebliebeneHabitus derselben dein System abgewöhnt werden. Wenn nun aber dieArzneikunde allmiihlig einzusehen begonnen hat, dass jenes Princip derKrankheit eines Lebendigen selbst nur ein Leben und Lebendiges seinkann, so hätte der Moralphilosoph schon früher, bei seinen Untersuchungenüber die Natur des Bösen, zu einer ähnlichen Einsicht gelangen und diegenerationem aequivocam jenes unmoralischen Bandwurms in der Mensch-heit sich begreiflich machen können, und eben nur, weil er diese Einsichtnicht erlangte, blieb er so weit hinter der Religion zurück, anstatt ihr,wie er wähnt, vorausgeeilt zu sein. Anmerk, v. J. 1809.
Baader’s Werke, I, Bd. 2