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1 (1851) Franz von Baader's gesammelte Schriften zur philosophischen Erkenntniswissenschaft als speculative Logik / herausgegeben von Franz Hoffmann ...
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Zumuthung «an ein lebendiges verständiges Wesen zu sein, dasses sein wirkliches Leben, von dem es allein weiss, zwar auf-geben soll, wobei ihm jedoch unverhohlen bleibt, dass es dabeiund damit sich auch nicht die geringste Hoffnung zu machen hatvon der Wirklichkeit eines andern Lebens, dessen Bejahung jadoch in jener Verneinung schon jedesmal gefordert wird, je auchnur die geringste Kunde, Wissenschaft oder Zeugniss einholen zukönnen, und dass ihm zur Bekräftigung jener Bejtthung überallnichts bleibt, als eigener Gedanke oder eigene Einbildung. Con-sequentcr und der Natur des Menschen gemäss beobachtet da-gegen die Religion hier gerade das umgekehrte Verfahren, undmit der Bejahung und Bekräftigung eines andern und bessernLebens anhebend gründet sic ihre Aufforderung zur Verneinungdes entgegengesetzten Lebens durchaus nur auf jene, gibt aberdem Menschen zugleich auch die Zusicherung, dass er im Fort-schritt der Evolution jenes bessern Lebens, welche mit der Invo-lution des schlechtem gleichen Schritt hält, von der Realität diesesandern Lebens auch klarere Ueberzcugung und selbst Einsicht indie Oekonomie desselben erlangen wird: und wenn sie auch inHinsicht des letztem den Menschen jenseits des Grabes verweiset;so ist dieses nicht so zu verstehen, als ob sie von einem Nicht-gegenwärtigen ab auf ein bloss Zukünftiges verwiese, sondernvielmehr so, dass die zwar beständige und alleinige Gegenwartdes innern moralischen Lebens nur übrig bleibt, wenn und nach-dem das dasselbe noch jetzt verhüllende und in seiner vollenOffenbarung hindernde Gewülke des dermaiigen Zeitlebens vor-über gegangen sein wird.

Nach dieser Ansicht der Selbstverleugnung, welche Moral-philosophie und Religion von uns fordern, behaupte ich nun un-gesoheut und unvcrhaltcn, dass ich jeden Act der sogenanntenphilosophischen Selbstverleugnung, welcher der Bejahung einesentgegengesetzten Lebens überall und ganz .entbehren zu könnenvorgibt, für Affcctation und Charlataneric halte *), und dass der

*) In jenen entscheidenden Momenten, wo der Mensch der Stimme folgt:

»Sumnium crcde nefas animam praeferre pudori

Ae propter vitam vivendi perdere causas