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1 (1851) Franz von Baader's gesammelte Schriften zur philosophischen Erkenntniswissenschaft als speculative Logik / herausgegeben von Franz Hoffmann ...
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bleiben, so wie das: Wie ich durch Athroen und Essen lebe! mirein Geheimniss bleibt! Ja! seis auch ein Arcanum, ivenns mir

Mensch, der einen lebendigen CJott und dessen lebendigen Verkehr mitseiuem eigenen lebendigen Gemüth glaubt, und der sich nicht mit blossemmechanischen Erkennen der Formel seines Gesetzes, ohne in den Geistderselben einzudringen oder in ihn erhoben zu sein, begnügt, sich durch jenein Kants Schrift S. 3t)2 u. s. f. angezeigte mauvaise honte abhalten lassen,aufrichtig zu gestehen, dass ihm jener Wunsch als Keim alles Gebetes vonseiner moralischen Natur selbst abgenüllugt sei, und dass er die wissent-liche Nichtbefriedigung dieses Lebensbedürfnisses jedesmal seinem mora-lischen Leben schädlich befunden u s. w. Er wird sich also des Ge-betes (als einer Verstandesschwachheit) so wenig zu schämen brauchen,als er sich jedes andern wahren Gcmüthsaffects zu schämen braucht, undnoch weniger wird er cs für nöthig finden, bei dem Philosophen (derdenn doch auch nur ein armer Sünder und Schelm ist, wie er) über dieBefriedigung oder Nichtbefriedigung dieses in ihm lebendig gewordenenBedürfnisses erst anzufragen. Und sollte Letzterem etwa die Einfachheitdes Mittels bedenklich scheinen, oder die Unbegreiflichkeit seiner Wir-kungsweise (welche freilich bei aller Willenscausalität dieselbe ist, derenMagie eben Magie bleibt) ihn vom Gebrauche abhalten; so möchte er nachdemselben Kaisonnement nur auch das Athmen einstellen, an welche ebenso einfache, und in ihrer Wirkung mystische und unbegreifliche Functiondie Natur die Erhaltung des animalischen Lebens bedungen hat. End-lich aber kann bei jenem, der, die Natur des menschlichen Genuithes ken-nend, wohl weiss, dass jedes Sichöll'nen des letztem schon im Aflect dergemeinen Liebe unaulhaltbar bis zur Andacht und Adoration übergeht,nicht davon die ilede sein, ob der Mensch überhaupt Andacht und Reli-gion haben und üben soll, sondern nur davon, ob der Mensch mit dieserseiner Andacht und Religion sich zu dem lebendigen, unsichtbaren, all-schenden Gott im Himmel, oder zu dem yrossen Thier auf Erden wendensoll! Aber ein Philosoph, welcher, wie Kant, die Behauptung aufstellt:dass beten und bitten nichts anders sei, als seine Wünsche gegen Jenendeclariren, zu dem man sich bittend wendet, ein solcher Philosoph, sageich, beweiset, dass er von der Communio vitae spirituum, die sich inihrer wechselseitigen Willensöflhung effecluirt, auch nicht die geringsteKenntniss hat. Anmerk. v. J. 1809. Beten ist keineswegs blossesWünschen (wie Kant will, VI,, 215.), wenn es gleich den Wunsch der Er-hörung des Gebetes enthält. Denn derjenige, welcher wirklich bittet,wendet sich an einen positiven Geber, und er könnte nicht bitten, ohneDiesen inne zu werden und zu berühren. Hier (im Gebet zu Gott) istaber der Geber selbst schon der Geher der Bitte oder des Gebets, wel-ches uns aufgegeben wurde. Man könnte daher sagen, dass die eigent-liche Sünde die Unterlassung des Gebetes ist, das Thun derselben oderdas Verbrechen aber eine Strafe dieser Unterlassung oder, wie die Theo-logen sagen, ein Verlassensein von Gott. Anmerk v. J. 1831. V. KantsWerke von Ilartenst. VI., 381. II.