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Wir sehen also in der ethischen Natur überall den liber-miithigen Despoten- mit dem feigen Sclaven-Sinn, als unzertrenn-bare Elemente einer und derselben Schlechtigkeit, als wahre Mit-schuldige gleichsam aneinander gekettet, zusammen auftreten undauch wieder beide zusammen verschwinden.
Von grossem Belang (und den Lehren der Religion völligentsprechend) ist aber die auf solche Weise sich von selbst dar-bietende Construction der vom Recht oder der Geradheitabweichenden krummen Strebung der Sünde, als Effect zweierSeitenkräfte oder Strebungen (einer centripetalen oder nieder-trächtigen und einer centrifugalen oder iibermüthigen), und dieseConstruction verspricht für die ethische Natur nicht geringereAufschlüsse und Anwendbarkeit, als bekanntlich eine ähnlicheConstruction (durch Kepler und Newton eingefiihrt) in derPhysik sich folgenreich erwies.
Ich habe bereits anderswo (Beiträge zur dynamischenNaturphilosophie S. 154)*) auf diese Entdeckung hinge-wiesen und bemevklich gemacht, wie die äussere Complicitätder Sünde den Forscher auf eine innere führt, so dass alsoder Mensch eigentlich nie allein zu sündigen, sowie er nieallein Gutes zu thun vermag. Hier findet sich nun der Schlüsselzur Erklärung jener alten Sage, „dass dem Fall (Verbrechen)des Menschen ein früheres oderürverbrechen (Geisterfall :!:si! ) vor-
gefallene Mensch liegt, sind im Sinne Baader’s nichts weniger als einePhantasmagorie, obgleich die Materialien der Ketten und des Gefängnisseszum Bau eines herrlichen Wohnhauses des freien Geistes hätten verwendetwerden können und noch verwendbar sind. Zugleich ersieht man, umwieviel tiefsinniger Baader das Elend des irdischen Lebens erklärt, alses Schopenhauer zu erklären vermag. II.
Fr. v. Baader’s Sämmtliche Werke, III, 282. H.
**) Dass Baader mit dem Ausdrucke: „jener alten Sage“ dieser Ueber-lieferung nicht den Charakter einer blossen Mythe aufdrücken will, istvon selbst klar. Die alte Sage vom Geislerfall vor dem Falle des Menschengilt ihm als geschichtliche Thalsache, beglaubigt durch eine uralte Tradition,die in verschiedener Färbung in allen Religionen der alten Welt zu findenist, durch die h. Schrift alten und neuen Testamentes und durch das DogmaBaader’s W’erke, VI. Bd. 2