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Zehnter Band.
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XVI
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Anlage, eine Fertigkeit, eine Präformation, vermöge welcher dieSeele alle ursprünglichen, apriorischen Wahrheiten aus ihremeigenen Fond hervorbringt, obgleich nicht ohne die Anregung undWeckung durch die Erfahrung und durch die Sinne; wie derFeuerstein das Feuer aus sich hervorbringt, obgleich nicht ohnedie Weckung des angeschlagenen Stahls. Die ursprünglichennothwendigen Wahrheiten kommen aus dem Verstände, die zu-fälligen Wahrheiten entstehen aus der Erfahrung oder aus denBeobachtungen der Sinne. So gross auch der Einfluss ist, denunsere Sinne auf unsere wirkliche Erkenntniss haben, so könnensie uns doch nur Beispiele, besondere oder individuelle Wahr-heiten, an die Hand geben. Nun sind aber Beispiele, die eineallgemeine Wahrheit bestätigen, unzureichend, die allgemeineNothwendigkeit dieser Wahrheit zu erweisen. Also müssen dienothwendigen Wahrheiten auf Grundsätzen beruhen, deren Ge-wissheit weder von einzelnen Beispielen, noch von dem Zeugnisseder Sinne abhängt, obgleich wir ohne Beihilfe derselben niemalsan sie würden erinnert werden können. Man muss also dieapriorischen und die aposteriorischen (empirischen) Erkenntnissestreng unterscheiden. Jene sind angeboren, diese nicht. DieSinne können uns das, was wir bereits immanent besitzen, nichterst geben und sind überhaupt unfähig, die Nothwendigkeit vonWahrheiten darzuthun. Die allgemeinen Grundwahrheiten sindgleichsam die Seele unserer Gedanken und verketten sie auf dasgenauste unter einander. Die Seele stützt sich alle Augenblickeauf sie, obgleich es ihr nicht leicht wird, sie zu entwickeln undsich dieselben einzeln deutlich vorzustellen. Dcsshalb wird sichdie Seele allerdings zuerst der besonderen Wahrheiten bewusst,diess hindert aber nicht, dass die besonderen Wahrheiten nicht inallgemeinen, deren Beispiele sie nur sind, gegründet sein sollten.Kämen uns die Ideen (Grundwahrheiten) von Aussen, so müsstenwir uns selbst ausser uns befinden. Allein sie entstehen in unsererSeele, obgleich wir auch sie, wie die empirischen Wahrheiten, er-lernen (d. h. zum Bewusstsein bringen) müssen, da sie uns nichtals wirkliche Erkenntnisse angeboren sind, sondern nur dem Wesenund der Kraft nach. Denn die wirklichen Gedanken sind Hand-