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wohl aber bei den Menschen, wie sie jetzt sind, durch den Hang,nur körperliche Bedürfnisse zu befriedigen, oft durch böse Ge-wohnheiten, verdunkelt werden. Wer die Seele sich wie eine leereSchreibtafel vorstellt, welche Schriftziige empfangen kann, oderwie Wachs, welches Eindrücke erhalten kann, wer die •Vernunftin die Seele wie durch Fenster hereinspazieren lässt, wer ihrblosse Vermögen oder Kräfte ohne alle Wirksamkeit und Hand-lung zuschreibt, der verräth augenscheinlich, dass er die Seelefür materiell und körperlich hält.
Für marteriell oder körperlich kann aber nach Leibniz nurderjenige die Seele oder den Geist halten oder aus der Materiekann nur derjenige die Seele oder den Geist fiir erklärbar halten,der weder etwas von der Materie, noch von der Seele oder demGeiste versteht. Denn die Materie kann niemals das Erklärendeder Dinge sein, sie bedarf vielmehr selbst der Erklärung undwenn sie der Erklärung bedarf, so kann sie nicht wieder aus derMaterie erklärt werden, folglich, da es ausser Materiellem undImmateriellem nichts gibt, kann sie nur aus Immateriellem erklärtwerden. Es widerspricht der Natur eines Dinges, das gar keineEmpfindung und Vorstellung hat, ein erkennendes Wesen her-vorzubringen *). Die Materie hat aber keine Empfindung undkeine Vorstellung, und kann in sich selbst keine Empfindung hervor-bringen. Folglich ist auch die Seele oder der Geist nicht aus derMaterie zu erklären. Obgleich wir von der Materie als von einemeinzigen Dingo reden, so ist doch die ganze Materie in der Thatkein einzelnes materielles Wesen. Wäre nun die Materie dasewige erste und denkende (oder denkfähige und in einer gewissenCombination der Atome denkende) Wesen, so würde kein ewigesund unendliches denkendes Wesen, sondern eine unendliche Zahlvon ewigen und endlichen denkenden Wesen sein, welche ein-
*) Lucretius (1. II. v. 837 ff.) behauptet freilich mit Epikur, das Em-pfindende werde augenscheinlich aus Nichtempfindendem. Allein das Nicht-empfindende, woraus er das Empfindende werden lässt, ist selbst aus demallempfindenden und allwissenden Wesen, und eben darum ist jenes Nicht-empfindende wenigstens empfindungsfiihig (Empfindung der Potenz nach).