gleichsam Ahnung, Vorgenuss. Nun da die Entwickelung ge-schehen ist und er mich besonders auf eine so helle, freudigeAussicht brachte, ist all meine böse Laune dahin.
Denke ich nun über die Ursache meines abermaligen Wohl-seins nach, so ist sie:
1) Freude und Zufriedenheit und Gefühl einer geistigen Leich-tigkeit nach einer glücklichen Entbindung*).
2) Eine Menge dunkler, freudiger Nebenempfindungen und Ge-fühle und Aussichten von Gott, Ewigkeit &c., die wie einMeer harmonischer Töne meiner Seele zuwallen, und aneben deren dunklem Bewusstsein sie sich labet. Ich fühleund weiss es gewiss, dass das sicherste Mittel, mir meineFreude zu verderben, eine metaphysische Zergliederung undVereinzelung aller jener Gedanken, Gefühle &c. seinwürde**). Consonanz!
Ich ging auf die Strasse. — Wie vermag ich von der un-übersehbaren Menge von Gedanken, Vorsätzen, Planen, Wünschen,Kämpfen &c. mir nur wieder einige dunkel zurückzurufen, diedort meiner Seele wie Schattenbilder vorüberfiogen, wie Sonnen-blicke oder wie Nachtgespenster sie durchblitzten? — Mit inne-rer Zufriedenheit über mein angefangenes Werk der Selbstbeo-bachtung und mit tausend freudigen Aussichten legte ich michzu Bette und schlief ruhig ein.
Den 13. April.
Beim Erwachen fühlte ich mich etwas träge und unlustig,doch ruhig. Ich gebe das, so wie die grössere Empfindlichkeitund Schwäche meines Nervensystems, die ich diese Tage überso auffallend spüre, dem nun schon in die zweite Woche anhal-tenden Fasten schuld. — Ich las in Klopstock’s Oden, wurde
*) Dies ist eine gleichsam physiologische Wahrheit unseres psycho-logischen Lebens, welche an jene tiefe Lehre von der gesetzlichen Ver-wandtschaft, ja Identität zwischen Physis und Psyche, Naturphilosophieund Ethik erinnert, die Baader — wie der Verlauf des Tagebuchs lehrenWird — bereits als Jüngling erkannt und in so vielen Schriften seinerspäteren Mannesjahre ausgeführt und bewiesen hat. D. H.
**) In diesen Worten liegt ein Keim der treffendsten Polemik gegenJede anschauungslose, nur abstrakte Dialektik. D. II.