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11 (1850) Franz von Baader's Tagebücher aus den Jahren 1786 bis 1793 / herausgegeben von Emil August von Schaden
Entstehung
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6
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aber schier missmutliig, dass mein Geist nicht wie sonst mitauf-fliegen konnte. Die nämlichen Leute, die mich gestern ärger-ten, kann ich heute ganz wohl ertragen und das Bewusstsein,ihnen durch Fügung nach ihrem Sinn Vergnügen zu machen,machte mir selbst welches. Es ist vollkommen Windstille inmeinem Innern. Die Hoffnung eines heiteren Tages mit allenseinen Folgen vermehrt sie. Ich las in Reimarus und finde michvöllig überzeugt, dass sich gegen die Wirklichkeit eines Welt-baumeisters von einem Gesunden kein Einwurf machen lässt*).

Wo wir in der Natur keine Zwecke sehen, sie läugnen,heisst eben so urtheilen, wie jene vorüberfliegende Gans überden Menschen:das nackte, federlose, missrathene Geschöpf,das aber bald den schnatternden Philosophen von seinem windigenLuftthrone in die Pfütze hinabwirft. S. Reimarus S. 32.

Die Leute, welche überall Verstand, Absicht, Weisheit nichtsehen und finden wollen, dagegen liberal! nichts als blinden Zu-fall, Unverstand, Verwirrung und Nacht sehen möchten, denenmuss wohl Licht nnd Verstand und Ordnung mächtig unwillkom-men und unangenehm sein!Sie hassen das Licht**).

Das Entstehen einer Diagonalkraft aus Zusammenfluss, In-einanderwirkung oder Strahlung mehrerer Einzelner ist selbst nur Erscheinung; was im Innern der Stoffe dabei vorgeht, wissenwir nicht. Von nichts Innerem wissen wir in der Natur ausseruns, von uns selbst, dem Innern in uns, nur durch Selbstgefühl,Bewusstsein, Selbstbeachtung! Nun ist die Frage: ob und wiees angeht, dass wir hier von unserem sichern Leiter abgehen undüber die Natur unseres Selbst in der Phänomenenwelt ausser unsAufschlüsse suchen wollen? Hier liegt der Knoten, das grösste,

*) Was auch zweifelsüchtiger Scharfsinn, oder verbitterte Gesinnungdagegen bemerken mag, ein wohlorganisirter Kopf, ein wohlorganisirtesHerz findet sowohl nach der Seite der Erkenntniss, wie nach der des Ge-fühles hin in der persönlichen Existenz einer primitiven Intention diehöchste Befriedigung. Es ist das die Weisheitauf den Gassen, dieWeisheit des sensus communis, dessen Werth auch Baader sehr richtig zubeurtheilen verstand. Denn von einer Seite ist all sein Philosophirennichts als Interpretation des sensus communis.

Ev. Joh. 3, 19 & 20.

D. H.