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11 (1850) Franz von Baader's Tagebücher aus den Jahren 1786 bis 1793 / herausgegeben von Emil August von Schaden
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oft der Geist des Miissiggangs und der Trägheit des Fleischeszu: ich solle ablassen von meinem angefangenen Werke, es seiScrupulosität, übertriebene Sorgfalt. Auch fühle ich, wie esKampf und Mühe kostet, der bösen Lockung kein Gehör zu ge-ben. Aber ich will es thun!

Wie ungleich bin ich mir doch selbst! Jede Stunde desTages beinahe! Was mir nun Sünde scheint, das sehe ich dannbald wieder als verzeihliche Schwachheit an. Ist es Eitelkeit,Selbstliebe? Schwäche und Ohnmacht ist es und Weichheitdes Fleisches. Sei es, was es wolle; das fühl und weiss ichganz sicher, dass es mit mir besser noch werden kann und muss.Ich fühle Kraft in mir, mich ganz, ganz noch zu überwinden!Kraft, dies zu wollen!!*)

Den 15. April.

Träge und unlustig wachte ich auf. Ich hatte wohl gesternAbend etwas zu viel und mir untaugliche Speise (Choeolade) zumir genommen. Mein Geist war wie gelähmt. Ich gaffte undgähnte alle meine gestrigen Entschlüsse, Gedanken etc. kaum alsdie meinigen an, vermochte nicht, mich zu ihnen emporzuschwingenund fühlte auch keine besondere Lust dazu. Himmel! wie mussJenen zu Muth sein, die ihr ganzes Leben über recht geflissent-lich ihren Geist im trüben Dampf einer immerwährenden Unver-daulichkeit erstickt halten, deren Seele tief in Unrath steckt. Kannes einen schrecklicheren, herabwürdigenderen Zustand geben, alsdiesen? Atque adfigit humo divinae particulam aurae!**)

Die lachende Morgensonne weckte mich aus meinem Schlummer

*) Jenes Pythagorische Einsiedlerleben, dessen Baader schon weiteroben Erwähnung gethan, fängt bereits an, seine Früchte zu tragen. Aus-gegangen von einem enthusiastischen Idealismus. verdichtet sich es stetsmehr und mehr zu dem realsten sittlichen Kampfe, der alles Zufällige fallenlässt, dagegen sich aber auf das Energischste auf das allein Wesentlicheconcentrirt. Wie der intellectuelle Baader Kant bereits selbständig verlässtund hiedurch später bei den ihm congenialen Männern, Jakob Böhme undSt. Martin anlangt, so treibt es den Adel seiner moralischen Natur vonallem sentimentalen Tugend-Idealismus hinweg auf den Kampfplatz christ-licher Selbstüberwindung. D. H.

**) Horat Sat. II, 2, 79