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grofsen Teil von Süddeutschland, Noricum und Pannonien, über Britannien,das nordwestliche Iberien, in das sie, da in den Nord- und Südthälern derPyrenäen niemals keltische Stämme vorhanden waren, vermutlich zu Wasservon der Bretagne aus eingedrungen sind. Am Ende des genannten Jahr-hunderts drangen sie in grofsen Scharen in Südgallien ein, drängten die dorteinheimischen Iberer nach Westen, die Ligurer nach Osten in die Alpen,überschritten das Gebirge seihst, besetzten Oberitalien mit Ausnahme Ve-netiens, und nur durch Korns Tapferkeit scheiterte ihr Versuch, Mittelitalienein ähnliches Schicksal zu bereiten. Im dritten Jahrhundert drangen neueScharen von der mittleren Donau her in Griechenland und Kleinasien ein.Im ersteren Lande unglücklich, überschwemmten sie das letztere grofsen-teils, bis sie 235 König Attalus von Pergamum besiegte und auf dasnordöstliche Phrygien und nordwestliche Kappadocien, ein Distrikt, nun-mehr Galatien genannt, beschränkte. Heutzutage finden sich Kelten inunvermischtem Zustande nur noch in der Bretagne, in Irland, Wales undSchottland, zusammen ungefähr 3 x /2 Millionen Seelen; aber auch in diesenletzten Provinzen sind sie in stetem Abnehmen.
b) Die Germanen. Von den drei Stämmen, in die die Germanen zerfielen,Deutsche, Goten und Skandinavier, kamen die Antiken mit den letztge-nannten in fast gar keine Berührung, mit den Goten erst im Beginn derVölkerwanderung; die Deutschen dagegen lernten die Römer bereits imzweiten Jahrhundert v. Chr. kennen. Deren Wohnsitze, die wir hei denspärlichen und teilweise sich widersprechenden Nachrichten nicht mehrnach genauen Grenzen bestimmen können, befanden sich etwa im heutigenNorddeutschland mit Holland und dem westlichen Teil von Süddeutsch-land, in Teilen von Böhmen, Mähren und Polen, waren aber seit langerZeit in beständiger Erweiterung begriffen, die zuletzt in der Zeit derVölkerwanderung in der Unterwerfung Italiens, Spaniens, Galliens, Bri-tanniens, Nordafrikas, Südrufslands, Noricums und Pannoniens gipfelte,ohne aber diese Länder mit Ausnahme von Süddeutschland, Teilen vonÖsterreich und Britannien dauernd germanisieren zu können.
c) Die Slawen. Eine nähere Kenntnis der slawischen Völker haben dieAntiken bei deren schwer zugänglichen Wohnsitzen niemals erworben. DieLänder des heutigen europäischen Rufslands wurden im allgemeinen mit demNamen der Sarmaten bezeichnet; aber man zweifelt mit Recht daran, ohdas eigentliche Volk der Sarmaten wirklich einen so grofsen Umfang hatte,und manche Forscher wollen sie nicht einmal als Slawen gelten lassen.Dagegen sind die Ästuer an der Ostsee, wie jetzt allgemein angenommenwird, Litauer, und die Venedae östlich von der Weichsel entsprechendem alten gemeinsamen Namen der Wenden, den die Deutschen denslavischen Nachbarn an der Ostgrenze von jeher gegeben haben.
Ganz unbekannter Stellung sind die Ligurer und Iberer, die wir alsälteste Bevölkerung Südgalliens, Iberiens, Sardiniens und Korsikas vor derEinwanderung der Indogermanen antreffen; unbekannt sind ferner dieEtrurer, die Westkleinasiaten, die Sumerier und Aklcader und diekaukasischen Völker. Von diesen allen haben nur die letztgenanntensich erhalten, und kleine Reste der Iberer, die jetzigen Basken, die sich selbst„Euscaldunac“ nennen.
Die Kulturvölker des Altertums gehören den Indoeuropäern wie denSemiten und Hamiten gleichmäfsig an. In den frühesten Perioden der Ge-schichte haben die Hamiten (Ägypter) und Semiten (Assyrer und Phöniker)am lebhaftesten gewirkt, Staaten gebildet, und kulturfördernde Erfindungengemacht, um dann in eine gewisse -Stagnation zu versinken, und ihre Missionan die Indoeuropäer, zuerst an die Meder und Perser, die jedoch bald ihremBeispiele folgten, dann an die Griechen abzugeben, mit denen später dieItaler in den Wettkampf traten. Erst der römischen Herrschaft gelang es,auch in den westlichen Ländern Europas, am frühesten in Gallien undSpanien, einen Zustand der Gesittung zu schaffen, der den Vorsprung, dender Osten vor dem Westen hatte, allmählich ausglich.
Zu den Kartons auf Seite 1:
Versuch einer Welttafel nach Herodot und Eratostenes.Erdkarte des Ptolemäus. Peutingerische Tafel.
Die ältesten Versuche, Karten von Landschaften zu entwerfen, habendie alten Ägypter im 13. oder 14. Jahrh. v. Ohr. unter der RegierungRamses II. gemacht, und wir besitzen noch Proben derselben auf Papyrusgemalt. Den ersten Versuch aber, eine Welttafel herzustellen, hat derPhilosoph Anaximander von Milet um 570 v. Chr., indem er eine Zeichnungin Erz graben liefs, gemacht, ohne dafs uns näheres über den Umfang undInhalt der Tafel überliefert wäre. Die Erde dachte sich Anaximander alsCylinder, frei im Weltraum schwebend, oben von Menschen bewohnt, dabeiam Rande vom Ozean eingefafst. Siebzig Jahre später finden wir eine Karte,auf der nicht nur Völker und Städte, sondern auch Flüsse, Meere undStrafsen verzeichnet waren, (Herod. 5, 49) von dem Geographen Ilecatäusverfertigt, dem bereits nicht unbedeutende Kenntnisse über die entlegenstenLänder der Erde zu Gebot standen infolge der Reisen verschiedener Griechenin das Innere Asiens und der Handelsverbindungen der Jonier nach Libyen,Italien, nach Iberien, ja — nach dem gleichzeitigen anonymen Periplus zuschliefsen, den Avien in seiner Ora Maritima übersetzt hat, — bis nach derBretagne und den dortigen Inseln, nach welchen das englische Zinn von denEingebornen auf Lederschiffen von Cornwall über den Kanal geschafft wurde,um von den europäischen Kaufleuten hier abgeholt zu werden. In derKenntnis dieses entlegenen Westens bezeichnet die Zeit des Ilecatäus auflange Zeit hinaus einen unerreichten Höhepunkt, da um 500 v. Chr. dieKarthager nach langem Ringen den Alleinbesitz Südspaniens und der Strafsevon Gibraltar sich erwarben, und nun den Handel und die Durchfahrt durchdie Strafse für jedes griechische Schiff mit allen Mitteln sperrten. Jedesfremde Fahrzeug, das ihre Meere berührte, sagen Festus und Strabo, wurdeohne weiteres versenkt, die Mannschaft ertränkt. Durch dieses gewaltthätigeVerfahren ging die Kunde von den westlichen Ländern naturgemäfs raschwieder verloren, ähnlich wie die reichen Kenntnisse, die Ptolemäus vonMittelasien oder Hinterindien hat, im Mittelalter durch das Auf hören jedesVerkehrs in Vergessenheit gerieten. Während zwei Menschenalter vorHerodot in Griechenland ausführliche Beschreibungen Iberiens verfafst wurden,und Charon von Lampsacus ein eigenes geographisches Werk über die atlan-tische Küste aufserhalb der Säulen veröffentlichen konnte, sind die KenntnisseHerodots über die westlichen Länder die dürftigsten und lückenhaftesten.Bezeichnend ist es auch, dafs, während er ostwärts bis nach Ägypten, Syrien,Mesopotamien, Medien und das südliche Rufsland ungehindert reisen, er
westwärts nur bis Italien dringen konnte; das ganze Westmeer, dessen Herrendie Karthager waren, vermochte der wanderlustige Forscher auch nicht ein-mal zu berühren. Um so mannigfaltiger ist freilich die Bereicherung, diedie griechische Wissenschaft über den Osten durch seinen unermüdlichenForschungstrieb erfuhr.
Die Erde zerlegte er, wie schon vor ihm Ilecatäus, in zwei Hälften,Europa und Asien, zu dem er Libyen rechnet. Libyen ist seiner ganzenBreite nach durch den Nil durchströmt, Europa durch den Ister, dessenQuellen in Iberien liegen. Dabei hält er das Gebirge Pyrene (Pyrenäen)durch die Form des Namens getäuscht, für eine Stadt. Doch tritt uns beiihm schon „die erste dämmernde Idee von einem Meridian“ entgegen.
Nachdem durch Eudoxus von Cnidus, Aristoteles und Dicäarch diemathematische und physikalische Geographie, durch die Reisen des Pytheasund Euthymenes, die ein Jahrhundert nach Herodot auf phönikischen Kauf-fahrteischiffen die Nordsee und die Westküste Afrikas erforschten, dieVölkerkunde von neuem wesentlich gefördert war; nachdem die Kenntnisvon der Kugelgestalt der Erde, die Pythagoras zuerst behauptet, in immerweitere Kreise gedrungen war, war Eratosthenes, Bibliothekar der alexan-driniscken Bibliothek in der zweiten Hälfte des dritten Jahrh. v. Chr. dererste, der durch eine ausgedehnte Gradmessung den gesamten Erdumfangzu berechnen versuchte. Seine Karte, deren Küstenumrifs er „im Südwesten,wie es scheint, nach Hannos Angaben, im Südosten nach Nearch, im Nord-osten nach den Angaben des Patrocles, im Nordwesten nach Pytheas“ zeich-nete, rekonstruiert zu haben, ist Verdienst H. Bergers, der die geographi-schen Fragmente des Eratosthenes am gründlichsten durchforscht hat. DieRekonstruktion ist nur in der Zeichnung von Italien und der Balkanhalbinselunvollständig geblieben, da uns über des Eratosthenes Auffassung von derGestalt dieser Länder so gut wie nichts überliefert ist.
Die höchste Vollendung erreichte die antike Geographie durch den TyrierMarinus und den aus Ptolemais Hermii gebürtigen Ptolemäus, beide im zweitenJahrh. n. Chr. lebend, von denen Marinus verloren ist. Des Ptolemäus Schrift„Anweisung im Kartenzeichnen“ enthält aufser einem System der mathema-tischen Geographie und kurzen Bemerkungen über die Wohnsitze der ein-zelnen Völker, die mit erstaunlichstem Fleifs und unermüdlicher Sorgfaltausgeführte Berechnung der Lage von etwa 8000 antiken Orten aller Ländernach ihren Länge- und Breitegraden. Ptolemäus zeichnet dabei ein Bild derden Alten bekannten Erde, das bei allen Fehlern im Vergleich zu den Hilfs-mitteln, die ihm zu Gebote standen, durch die oft erreichte Treue unsereBewunderung erwecken mufs. Den Umfang der Erdkugel nimmt er zu180 000 Stadien = 4500 geogr. Meilen an.
Landkarten der Alten sind uns nicht erhalten. Doch haben sich inden Handschriften des Ptolemäus Kartenzeichnungen aufbewahrt, die aufantike Grundlagen zurückgehen; auch von den Pisanischen Seekarten desMittelalters nimmt man ähnliches an; ja von der Ebsdorfer und HereforderKarte, wie auch von der des Mönches Heinrich von Mainz (um 1110) ist esnicht unwahrscheinlich, dafs sie im letzten Grunde von der Weltkarte desAgrippa abzuleiten sind. Aus diesen dreien trotz ihrer Fehler das ursprüng-liche Agrippa’sclie Werk wieder herzustellen, hat man neuerdings mit Glückversucht. Endlich besitzt die Wiener Hofbibliothek eine aus 11 Blätternbestehende (das 12. ist verloren) 1264 zu Kolmar gemalte Kopie eineralten Reisekarte, Tabula Pe utingeriana genannt nach dem AugsburgerRatsherrn K. Peutinger, dem sie im 16. Jahrh. der Entdecker derselben,der Humanist K. Celtes schenkte. Aus nicht sicher eruierten Gründen istsie nach Ost und West so ungeheuerlich auseinandergezogen, und von Nordnach Süd zusammengepresst, dafs die Küste von Gibraltar bis zur Strafsevon Messina eine gerade Linie bildet und die Himmelsrichtung der aufge-führten Ortschaften, trotz der regelmäfsig angegebenen Distanzen, oftunmöglich bestimmt werden kann. Das Original der Karte stammt ungefähraus dem dritten Jahrhundert; doch sind noch viele Fragen über ihre Her-kunft unerledigt.
Zu Seite 2: ÄGYPTEN.
Ägypten wird das schmale, fruchtbare Thal genannt, das der Nil, nach-dem er den letzten Katarakt überwunden, in einer Länge von etwa 125 deut-schen Meilen, in einer Breite von Vs—2 Vs Meilen bis zum Mittelmeer, ein-geschlossen von den unfruchtbaren, niedrigen Höhen der libyschen und ara-bischen Wüste bildet. Erst wo das Mündungsgebiet des Flusses beginnt,etwa 20 Meilen vom Meere entfernt, treten die Berge zurück, und bildendas über 22,000 qkm. grofse Nildelta. Da mit Ausnahme dieses Deltas unddes Landes südlich vom 17. Breitegrad im eigentlichen Ägypten es fast nie-mals regnet, selbst Tau etwas Unbekanntes dort ist, entbehrt das Landnaturgemäfs beinahe jeglicher Quellen und Bäche, und ist für die Bewässerungeinzig auf den Hauptstrom angewiesen, der in der zweiten Hälfte jedenJahres infolge der tropischen Regenfälle des äthiopischen Hochlandes, amheftigsten im September und Oktober, regelmäfsig austritt, und das ganzeThal, aufserhalb desselben fast nirgends feste menschliche Ansiedelungenmöglich sind, überschwemmt. In voller Würdigung des unendlichen Wertesdieser regelmälsigen Bewässerung nannte schon das Altertum Ägypten einGeschenk des Nils, und es ist begreiflich, das wir in den frühesten Periodender Geschichte den Versuchen der Thalbewohner begegnen, durch mit allerSorgfalt angelegte Kanäle und künstliche Seen den bisweilen stärkeren, bis-weilen niedrigeren Wasserstand der Überschwemmungen zu regulieren undauch höher gelegene Kulturgründe der Wolilthat der Befruchtung teilhaftigwerden zu lassen.
Die Bewohner Ägyptens, die ihr Land Qemt d. i. das ,schwarze 1 , wegender eigentümlichen Farbe des Nilschlammes nannten, sind in unbekannterVorzeit von Asien her eingewandert, und haben sich früh mit der einhei-mischen von ihnen unterworfenen Bevölkerung vermischt. Noch in vor-historischer Zeit haben sich aus den einzelnen Stämmen und Gauen zweiKönigreiche, Ober- und Unterägypten (,Nordland' und ,Südland', Tameh undTares) entwickelt, die lange nebeneinander bestanden, bis um 3180 v. Chr.,(nach E. Meyer’s Minimaldaten) König Mena von Nordägypten, der Gründervon Memphis, das Südland mit seinem angestammten Reiche vereinigte,und somit die erste der späteren 26 Dynastieen des Gesamtkönigreichsgründete. Schon unter König Snefru (um 2830) wurden die benach-barten Wüstenbewohner unterworfen, und die Herrschaft bis auf die Sinai-halbinsel, die durch ihre Malachit- uud Kupfergruben begehrenswert war,ausgedehnt. Snefru, der erste Fürst, dessen Name uns auf Inschriften genanntwird, ist der Ahnherr der vierten Dynastie, die sich ein unvergängliches
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