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Professor G. Droysens allgemeiner historischer Handatlas : in sechsundneunzig Karten mit erläuterndem Text / ausgeführt von der Geographischen Anstalt von Velhagen & Klasing in Leipzig unter der Leitung von Dr. Richard Andree
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V.

Denkmal gesetzt liat durch den Bau der gröfsten der Pyramiden, Monumente,die die Gräber der königlichen Bauherren in sich schliefsen. Unter den siebengrofsen, die wir hei Gize finden, ist die höchste und gewaltigste (150 m.), dievon Snefrus Sohn Chufu (Cheops) errichtet ist; die nächste an Grofse ist vonCliafra (Chefren), die dritte und zierlichste von Menkara (Mycerinus).Die Erbauung dieser Kolosse mit ihren Gängen, ihren Inschriften, ihremAVandschmuck und der sachverständigen Einbalsamierung der Leichen be-dingt eine bedeutend vorgeschrittene Entwickelung des Volkes, der Gewerbeund Künste, der religiösen Anschauungen,' der staatlichen Einrichtungen; inder That treffen wir in der ersten Hälfte des dritten vorclir. Jahrtausendsnicht nur Töpferei und Tischlerei, Leinenindustrie und AVeherei, sondernauch die kunstgemäfse Bearbeitung aller Arten von Metallen, die Herstellungdes Glases (dessen Erfindung oft fälschlicherweise den Phönikern zuge-schrieben wird), die Skulptur und Architektur bereits hoch entwickelt. Einvollkommen ausgebildeter Beamtenstaat hilft Land und Volk regieren; einesorgfältig gegliederte Priesterschaft bildet die in ihren Hauptdogmen, (zudenen die Lehre von der Unsterblichkeit gehört), bereits gefestigte Keligionund besorgt den Dienst der Götter, der nach einem in allen Teilen aus-gebildeten Ritual ausgeführt wird. Selbst eine Litteratur, die sich über alleAVissenschaften erstreckte, ist in jenen Tagen schon entwickelt gewesen; esgab Werke medizinischen, mathematischen, astronomischen und religiösenInhalts, sogar ein Staatsarchiv und eine königliche Bibliothek, die beide derObhut eines hohen Beamten anvertraut waren.

Die politischen Grenzen des Reiches schwanken in jener Zeit und indem ganzen folgenden Jahrtausend hin und her. Um 2530 unter der Re-gierung König Pepis erfolgten siegreiche Kriege mit den Arabern Peträas,und unter einer Reihe seiner Nachfolger scheint Ägypten äusseren Friedenssich erfreut zu haben. Bald folgte aber eine Periode innerer Unruhen,unglückliche Kriege mit den Syrern kamen dazu, denen es gelang Unter-ägypten in ihre Gewalt zu bringen, und erst durch oberägyptische, theba-nische Hilfe ward der Fremdherrschaft um 2130 nach langem Ringen imwesentlichen ein Ende gemacht; doch dauerten die Kämpfe während derganzen elften Dynastie fort. Der nationale Aufschwung, der den Befreiungs-kriegen folgte, und die damit verbundene Hebung militärischen Geistesermöglichten es der zwölften Dynastie (21301930), die Grenzen des Gesamt-reiches bald wieder zu erweitern. Zuerst wurde die Sinaihalbinsel wiederunterworfen, dann Nubien erobert, Handelsverkehr mit Arabien, Syrien undBabylonien angeknüpft, gewaltige Bauten errichtet, der grofse Ammonstempelin Theben, der Sonnentempel zu Heliopolis, das Osirisheiligtum zu Abydus,die wir wegen der unerreichten Grofsartigkeit der Anlage, des reinen künst-lerischen Geschmacks der Ausführung in ihren Ruinen noch heute bewundern,der Mörissee in Faijum, ein über der Erde durch ungeheure, teilweise erhalteneDeiche zum Zweck der Regulierung der Nilüberschwemmungen gebildetesBassin von über 400 Millionen Quadratmeter Inhalt, hergestellt, also,dafs jene Zeit, (Ende des dritten und Anfang des zweiten Jahrtausends)die eigentliche Blütezeit Ägyptens zu nennen ist. Auch in der Litteratur,zumal der historischen und belletristischen, hat Ägypten damals das bestehervorgebracht, was es zu schaffen vermocht, und die Sprache jener Zeit hatbei den jüngeren Generationen jederzeit als die mustergültige gegolten.

Diese Periode der allgemeinen Blüte Ägyptens wurde abermals unter-brochen zuerst durch innere Unruhen, Empörungen einzelner Provinzen,dann durch unglückliche Kriege mit fremden Eindringlingen, asiatischenVölkern unbekannter Herkunft, von Manetho Hykussos oder Hyksosgenannt, d. i. Könige der Sasu (bereits seit der 12. Dynastie bekannter Amlks-name der Beduinenvölker der Sinaihalbinsel und des südlichen Palästinas) die von zahlreichen semitischen Völkern begleitet waren. Diese Eindring-linge unterwarfen, mit dem Delta beginnend, allmählich ganz Unterägypten,bedrängten hart und lange auch das Südland, und vermochten erst nach400jübriger Herrschaft von Theben aus unter Aalimes, dem Gründer der18. Dynastie um 1530 v. Chr. endgültig verjagt zu werden. Nur ein Teilder fremden Bevölkerung, meist Kanaaniter, blieb in seinen AVohnsitzen imDelta zurück, von den ägyptischen Königen abhängig.

Nachdem so durch diesen zweiten Befreiungskrieg das Selbstbewufstseinund die Unternehmungslust der Ägypter abermals gehoben war, vermochtenAahmes und seine Nachfolger gegen das Ausland wieder erobernd aufzutreten.Zuerst wurde Nubien bis über den 19. Breitegrad hinaus, dann die Libyeran der AVestgrenze unterworfen. Unter der männergleichen Königin Hat-sepsu ward Südarabien, dessen Goldminen und AVeilirauch die Habgier gleich -mäfsig reizten, tributär; ihr Bruder Dhutmes III. (14801430) fügte in15 Feldzügen Palästina und Syrien, bis über den Euphrat hinaus hinzu,selbst die Fürsten des nördlichen Mesopotamiens, der Insel Cypern, undwahrscheinlich Ciliciens mit der Südküste Kleinasiens und den Inseln desÄgäischen Meeres, wurden zu Abgaben gezwungen. Dieser grofse Länder-besitz blieb unter einer ansehnlichen Reihe von Nachfolgern erhalten, undnur infolge von religiösen AVirren, die sich bei der Ausbildung der ägyp-tischen Religion zum Monotheismus und der gewaltthätigen Durchführungdes letzteren von seiten mehrerer Könige im 14. Jahrhundert erhoben undÄgyptens Macht zerrütteten, ging die Mehrzahl der Eroberungen an dasdamals aufstrebende syrische (chetitische) Reich verloren. Um 1325 warendie Länder am oberen Nil der letzte Rest von Ägyptens auswärtigen Be-sitzungen.

Indes der thatkräftige König Seti I. (13201310) beschlofs dengeschwundenen Glanz wieder herzustellen. Es gelang ihm, die Sinaihalbinsel,diese begehrteste aller ägyptischen Provinzen, bald auch den Süden vonPalästina und die Libyer an der A\ T estgrenze zu bezwingen; sein NachfolgerRamses II., den die Griechen mit Seti unter dem Namen Sesostris idendi-fiziert haben, dem sie die abenteuerlichsten Kriegszüge bis nach Indien, Sky-tliien, dem Kaukasus und Thrakien zuschreiben, warb Söldnerheere an, undfügte den Norden Palästinas und den Süden Syriens hinzu, dann schlofs ermit dem Könige der Chetiter einen Friedens- und Freundschaftsvertrag, umsich nun 46 Jahre lang den AVerken des Friedens zu widmen. Niemals sindin Ägypten mehr Kunstwerke gefertigt worden, als unter seiner Regierung,wenn dieselben auch an AVert den früheren bereits bedeutend nachstehen.Aus der Litteratur jener Zeit ist uns ein Gedicht des König Ramses seihsterhalten, der in schwungvollen Aversen seine Grofsthaten gegen die SyTerbesingt.

Bald nach Ramses II. begann der Verfall. Es erfolgten wiederholteEinfälle fremder Völker, Unruhen im Innern erhoben sich, und wenn auchperiodisch bessere Tage wiederkehrten, die Leistungsfähigkeit des ägyp-tischen Volkes hatte seinen Höhepunkt überschritten; im Innern und nach

aufsen nahm dieselbe mehr und mehr ab. Langsam ging eine Provinz nachder andern verloren; 728 v. Chr. geriet ganz Ägypten in die Hand desÄtliiopenkönigs Sabako. Durch die neue Dynastie kam neue Bewegung indas Land; doch schon Sabakos zweiter Nachfolger unterlag, nachdem eranfangs dem Könige Hiskia von Judäa gegen die Assyrer geholfen hatte,der Macht der letzteren, worauf um 670 das ganze Reich in 20 diesenabhängige Distrikte aufgelöst wird. Mehrere Aufstandsversuche schlugenfehl; endlich gelang es, als Assyriens Macht durch die Kämpfe mit den Ela-miten in Anspruch genommen w r ar, einigen Gaufürsten im Nildelta ihre Un-abhängigkeit zu erkämpfen, unter ihnen Psammetich, der bald sie alle zueinem Staate vereinigte, und, vom König Gyges von Lydien durch Söldner-scharen unterstüzt, um 645 das gesamte Ägypten von der assyrischen Herr-schaft befreite. Die neue 26. (und letzte) Dynastie, die, da sie sich we-sentlich auf die ausländischen Söldner stützte, nur teilweise eine nationalewar, sann wenig auf neue Eroberungen, sie verfolgte im wesentlichen eineHandelspolitik, knüpfte mit den Seestaaten des Mittelmeers lebhaften Verkehran, haute, um diesen zu heben, einen Kanal vom roten Meer nach dem Nil;einige Konflikte die mit Phönikern und Chaldäern ausbrachen, endigten ohneerhebliche Veränderungen für Ägypten, nur Cypern ward von Amasis besetzt.Bei dieser dem friedlichen Charakter des ägyptischen Volkes am bestenentsprechenden Regierungsweise hob sich der AVohlstand des Volkes zu-sehends, da wurde diese glückliche Zeit jählings unterbrochen durcheinen Eroberungskring der Perser, deren Politik, nachdem sie ganz Vorder-asien in ihre Hände gebracht, es gebot, kein mächtiges, zur See gebietendesÄgypterreich neben sich zu dulden. 525 w T ard Psammetich III., der letzteKönig, bei Pelusium geschlagen, din Hauptstadt Memphis erobert, ÄgyptensSelbständigkeit war zu Ende.

An einzelnen Aufstandsversuchen fehlte es zwar in der Folgezeit selbst-verständlich abermals nicht, 405340 waren die Perser ganz vertrieben,aber 332 kam Ägypten durch Alexander den Grofsen unter makedo-nische Herrschaft. Als dieser ohne Erben gestorben war, wufste sich seinFeldherr Ptolemäus das Königtum zu verschaffen, welches in dessen Fa-milie 275 Jahre blieb, bis die Königin Cleopatra 30 v. Chr. in die römischenBürgerkriege sich einmischte. Sie ward hei Actium von Augustus geschlagen,Ägypten dem römischen AVeltreiche einverleibt, dessen Kornkammer eskünftig wurde. Bei der Teilung des Reiches 395 n. Chr. kam es an dasoströmische Kaisertum, 641 ward es von den Arabern erobert.

Eingeteilt w r ar Ägypten, nach den beiden natürlichen Hälften, in diees zerfiel in

1. das ,Nordland 1 d. i. das Gebiet nördlich von Perne und demMörissee, ursprünglich aus 17 Kantonen, die ebensoviel ehemaligen selbstän-digen Fürstentümern entsprachen, bestehend. Seit den Ptolemäern, die diebenachbarten libyschen Oasen zuzogen, zählte man 22 Kantone.

2. das ,Südland 1 , anfangs gleichfalls aus 17 Kantonen bestehend. Seitden Ptolemäern zerfiel es in zwei Provinzen, a) Heptanomis, der auchMemphis, die alte Hauptstadt des Nordlandes heigegehen ward, mit 7 Kan-tonen, bis Hermupolis reichend, b) Tli.ebais, südlich bis zur Insel Elefantinesich erstreckend, mit 16 Kantonen.

Dodecaschönos, nach seiner Ausdehnung so benannt, (ein ägyp-tischer Schönos = 60 Stadien), südwärts bis Hiera Sycaminos sich er-streckend, wurde erst seit der römischen Herrschaft zum eigentlichen Ägyptengerechnet.

Zum Karton: Theben.

Theben (ägypt. Ta Ape, No A, No Ammon, Api U; von den Griechenspäter Diospolis Magna genannt), von den Alten für die älteste Stadt der AVeltgehalten, ist seit König Amenemhat I, dem Stifter der elften Dynastie (um2130 v. Chr.) die Hauptstadt von Ägypten; seit Aahmes, nachdem 1530 v. Chr.die A'ertreibung der Hyksos von Theben aus unter Beistand und im Namendes Gottes Ammon erfolgt war, ward es zur ,Ammonsstadt 1 erhoben. KeineStadt am Nil war im Altertum berühmter als Theben; von keiner haben sichso zahlreiche und so gewaltige Ruinen von Tempeln, Obelisken, Kolossen,Säulen, Sphinxen und Gräbern erhalten. Schon Homer rühmt ihren Reich-tum und ihre Grofse, II. 9, 383385:

Theben, Ägyptens Stadt, da sind reich die Häuser an Schätzen;

Hundert hat es der Thor, und es ziehen zweihundert aus jedem

Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren.

Die Stadt lag an einer günstigen, gegen die AVüstenwinde geschützten Stelleauf beiden Ufern des Nil, und hesafs nach Diodor einen Umfang von nichtweniger als 140 Stadien (3Vs deutsche Meilen). Noch in der ersten Römer-zeit, als schwere Schicksalsschläge über sie ergangen waren, waren es deren80 (2 Meilen).

Auf der östlichen Seite des Flusses, wo jetzt die Dörfer Karnak undLuksor sich befinden, lag die eigentliche bewohnte Stadt mit dem alsReichsheiligtum gehaltenen Tempel des Ammon und der mit diesem gemein-sam verehrten Götter Mut und Chunsu, ein Tempel, den zu schmücken undzu erweitern alle Könige Ägyptens, zumal der achtzehnten und neunzehntenDynastie (ca. 15001100 v. Chr.) bestrebt waren, dessen Grofsartigkeitin seinen Ruinen noch den Besucher überwältigt, dessen Inschriften unsheutzutage die wichtigsten Quellen für die Kenntnis der ägyptischen Ge-schichte, Religion, AVissenschaft und Altertümer bilden. Ein zweiter Am-monstempel, in dessen Überreste ein nicht unbeträchtlicher Teil des DorfesLuksor, in das man von Karnak durch eine grofse Allee von Sphinxen(mehrere hundert an Zahl) gelangt, hineingebaut ist, wurde südwestlich vonKönig Amenliotep III. (c. 1400 v. Chr.) errichtet.

In Thebens westlicher Hälfte, in der nur Priester, Tempeldiener, Stu-denten und Totengräber wohnten, befand sich die Totenstadt, die Gräberder Fürsten und Bürger, sämtlich in die steil aufsteigenden Felsen kunstvolleingegrahen. Tausende von Mumien, freilich von Totenräubern seit zwanzigJahrhunderten greulich durchstört, sind hier gefunden worden. Am merk-würdigsten sind die bei Kurna befindlichen Katakomben, Syringe (2vgiyyeg)genannt, eine ungeheure für die Grabstätte der Priester bestimmte Aus-höhlung, deren breite Galerien weit in das Innere des Gebirges dringen.Sie gehören der glorreichsten Periode der ägyptischen Kunst an. Hervor-ragendes Interesse nehmen die Königsgräber in dem Tliale Bibän el-Mulukin Anspruch. Dieses Thal wird durch zwei Reihen Felsen gebildet, derenoberer Teil beinahe senkrecht fällt, deren Fufs aber mit Geröll umlagert ist,unter dem der Eingang zu den Totenhallen, in denen nach Strabos Zeugnisvierzig Könige begraben liegen, verborgen war. Keines dieser Gräber ist.

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