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Professor G. Droysens allgemeiner historischer Handatlas : in sechsundneunzig Karten mit erläuterndem Text / ausgeführt von der Geographischen Anstalt von Velhagen & Klasing in Leipzig unter der Leitung von Dr. Richard Andree
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Zu Seite 4: JERUSALEM.

Der Ort Jerusalem bestand schon, als die Israeliten nach Kanaan ein-wanderten. Er war der Hauptsitz des kanaanitischen Stammes der Jebusiter(daherJebus Rieht. 19, 10. Chron. I. 11, 4), die erst von David durchEroberung ihrer Bergfeste Zion unterworfen wurden. David befestigte sieaufs neue, errichtete daneben sein Wohnhaus sowie das Zelt für die LadeJehovas und nannte den bis auf eine Lücke rings von einer Mauer um-schlossenen Platz dieDavidstadt. Dieselbe hat, entgegen der späterennoch heute weit verbreiteten Tradition, aber gemäfs den bestimmten Angabendes Alten Testaments im SO. des alten Jerusalem gelegen, und zwar auf demsüdlichen Teil des schmalen von N. nach S. sich erstreckenden Bergrückens,der im 0. durch das Kidronthal, im W. durch das Tyropöonthal und im S.durch die Vereinigung dieser beiden Thäler von den gegenüberliegendenHöhen getrennt wird. Wahrscheinlich aber hat eine vom Tyropöonthale nachdem (oberen) Gihon ziehende, jetzt ganz verschüttete Schlucht einst die alteDavidstadt auch gegen die nördliche Höhe des Tempelberges hin isoliert, sodafs sie, auf allen Seiten von steilen Thälern umgeben, zu einer Zwingburgäufserst geeignet war, zumal da sie die einzige perennierende Quelle in undbei Jerusalem, den Gihon an ihrem Fufse, beherrschte (Guthe, Ausgrabungenbei Jerusalem 243 ff.). Salomo vollendete ihre Ringmauer und baute denMillo, ein besonderes Bollwerk an der Davidstadt, dessen Lage jedoch nochunbekannt ist. Die Davidstadt bildete einen Teil der Gesamtstadt Je-rusalem (Kön. II. 14, 20), deren Häuser in ältester Zeit hauptsächlich dieHöhe des der Davidstadt westlich gegenüberliegenden Bergrückens bedeckthaben. Dieser ist breiter und höher als der östliche Bergrücken, wird im W.und S. von dem Hinnomthal, im 0. von dem Tyropöonthal begrenzt und hängtim NW. nur durch einen schmalen Sattel mit dem übrigen Gebirgskörper desLandes zusammen, da im NO. ein kleines Seitenthal des Tyropöon tief inseine Flanke einschneidet. Salomo erbaute die Mauer Jerusalems, derenNordseite nicht über die Linie der später von Herodes d. Gr. erbauten dreiTürme (Hippicus, Phasael, Mariamne) hinausgegangen ist, sondern sich süd-lich über dem Rande des soeben erwähnten kleinen Seitenthaies erhoben hat.Wahrscheinlich war dieser westliche Bergrücken auch nach dem Tyropöon-thale zu durch eine Mauer abgeschlossen. So konnte der Stadtteil zwischender Davidstadt im 0. und derOberstadt (Joseplius) im W. die Gegendzwischen den beiden Mauern genannt werden (Jes. 22, 11. Jer. 39, 4).Die bisher beschriebenen beiden Höhen entsprechen dem ersten und zweitenHügel des Josephus (Bell. jud. V. 4, 1), die westliche Höhe dem ersten, dieöstliche Höhe (Davidstadt) dem zweiten. Salomos Bauthätigkeit gab einemdritten Hügel hervorragende Bedeutung. Er errichtete nämlich auf derTenne Arafnas (Sam. II. 24. Chron. II. 3, 1) den Tempel, etwas tiefer(Kön. II. 11, 19. Jer. 22, 1. 26, 10. 36, 10 ff.) und südlich daneben seinWohnhaus, das Haus der Tochter Pharaos, die Thron- oder Richthalle, dieSäulenhalle und das Libanonwaldhaus (Kön. I. 68). Die genannten Ge-bäude waren von einer Ringmauer umgeben. Ob und wie dieselbe aber mitden übrigen Festungswerken Jerusalems zusammenhing, ist noch unklar.Dieser dritte Hügel wird im A. T.Berg des Hauses Jehovas oderBergJehovas, von den Propheten und in den Psalmen auchZion genannt; dieserName ist also mit der Zeit von der südlichen auf die nördlich be-nachbarte Höhe übertragen worden. Nach Chron. II. 32,5 baute Hiskiadraufsen die andere Mauer; sie entspricht derzweiten Mauer desJosephus und umschlofs Anbauten der späteren Königszeit: diezweite(Stadt) des Alten Testaments (Zeph. 1, 10. Kön. II. 22, 14), dieVor-stadt des Josephus (Antiq. XIV. 13, 4). Zu ihr gehörten die Türme Hana-nael und Mea, die den schmalen Sattel, durch welchen der östliche Höhenzugmit dem nördlichen Plateau zusammenhing, beschützen sollten. Von diesemso erweiterten Umfang des vorexilischen Jerusalem gibt der Bericht Nelie-mias über die Wiederherstellung der Ringmauern einige Kunde (Nehem. 3,132; vgl. 12, 2743). Besonders streitig ist jedoch noch der Lauf derzweiten Mauer; er ist auf dem Plan im Anschlufs an die kürzlich veröffent-lichten Forschungen und langjährigen Beobachtungen C. Schicks in Jerusalemeingetragen worden. Nehemia erwähnt neun Thore in der Ringmauer; dazukommen das Benjaminthor (Jer. 37, 13) und das Eckthor (Kön. II. 14, 13),insgesamt also elf Thore. Nach dem Exil verursachten erst die Freiheits-kriege der Makkabäer ein neues Aufblühen der Stadt. Judas Makkabäusmachte denBerg Zion, d. i. den Tempelberg, zu einer starken Festung(Makkab. I. 4, 60). Simon Makkabäus vernichtete 141 v. Chr. durch Eroberungder Akra die Zwingherrschaft der Syrer über Jerusalem. Da diese SyrerburgMakk. 1.1,33 mit der Davidstadt identifiziert wird, und da Josephus, der nebeneiner Burg Akra einen von letzterer benannten Stadtteil Akra erwähnt, diesenStadtteil mit der zweifellos südlich vom Tempel gelegenenUnterstadt gleich-setzt, so ist neuerdings die Lage der Akraburgim S. desTempelberges empfohlenworden (Klaiber in ZDPV. IV, 18 ff. Spiefs, Jerusalem des Josephus 32 ff.Guthe a. a. 0. 249 ff.). Später erbauten sich die Makkabäer eine Residenzinnerhalb der Oberstadt, denHasmonäerpalast (Josepbus). Hyrkan I.richtete die schon Neh. 2, 8. 7, 7 unter dem Namen Bira erwähnte BurgBaris im NW. des Tempels zu seiner Wohnung ein. Auch an den Ring-mauern haben die Makkabäer gebaut. Herodes d. Gr. erweiterte denTempelbezirk namentlich nach N. und S. bis auf einen Umfang von sechsStadien (Josephus Bell. jud. V. 5, 2) = 1110 m. Da diese Angabe mit demjetzigen Umfange des Haram (1552 m) nicht übereinstimmt, so mufs derheilige Platz entweder später nochmals erweitert worden sein oder Josephushat ungenau berichtet. Der innere Bezirk des von Herodes neugebautenTempels war durch ein Steingitter und durch eine hohe Mauer abgeschlossen.Die Baris baute Herodes zur Antonia um und liefs sich neben den TürmenHippikus, Phasael und Mariamne einen prächtigen Palast errichten. Aufserder von Josephus erwähnten Brücke, die den Xystos, einen freien Platz, mitdem Tempelplatze verband (Wilsonsbogen), scheint noch ein andrer Übergangaus dem Tempelbezirk in die Oberstadt geführt zu haben (Robinsonsbogen).

In dieser durch Herodes verschönerten Stadt hat Jesus Christus gelehrtund gelitten. Die Via dolorosa beginnt nach der jetzigen, seit den Kreuzzügenherrschend gewordenen Tradition an der NW.-Ecke des Haram, weil nach ihrdas Prätorium des Pilatus die Burg Antonia gewesen sein soll. Jedoch wirdPilatus bei einem Aufenthalt in Jerusalem wahrscheinlich in dem Palast desHerodes gewohnt haben; daher müfste dieser als Ausgangspunkt des letztenLeidensweges Jesu angesehen werden. Die Entscheidung der vielbesproche-nen Frage, ob das traditionelle Golgatha wirklich aufserhalb der zu JesuZeit bestehenden Mauern Jerusalems liege, hängt von der Feststellung desLaufs der zweiten Mauer ab (s. o.). Diegrofse (oder dritte) Mauer

Jerusalems wurde von Herodes Agrippa I. (3744 n. Chr.) begonnen, abererst während des Aufstandes der Juden (seit 66 n. Chr.) vollendet. Wahr-scheinlich fällt ihr Lauf mit dem der heutigen Nordmauer Jerusalems derHauptsache nach zusammen. Guthe.

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MESOPOTAMIEN, ASSYRIEN UND BABYLONIEN.

Mesopotamien ist ein geographischer Begriff, dessen Name erst inhellenistischer Zeit aufgekommen ist; man versteht darunter alles Landzwischen Euphrat und Tigris mit Ausnahme des unteren Teiles, der von dermedischen Mauer an bis zum Meere Babylonien genannt wird. Assy-rienwird im Norden durch Armenien, imOsten durch Iran begrenzt; imWesten und Süden gegen Mesopotamien zu ist eine natürliche Scheidungnicht vorhanden; Assyrien endigt in der Tigrisebene, doch so, dafs die west-liche Umgebung des Flusses jederzeit zu demselben gehört hat.

Das ganze vom Euphrat und Tigris durchströmte Gebiet ist von derNatur reich gesegnet, am meisten aber Babylonien, dessen Boden, wenngut bewässert, eine Fruchtbarkeit entfaltet, wie wenige Gebiete der Welt.In diesem Lande, wo Reichtum der Bewohner früh sich entwickelte, empfandendie Menschen früh auch das Bedürfnifs, ihren Wohlstand durch höhere Aus-nützung der Naturkräfte zu vergröfsern und die Behaglichkeit ihres Daseinszu vermehren. In Babylonien wurde schon im grauesten Altertume der Ackerbestellt, wurden Kanäle gezogen, Häuser und Städte gebaut, Staaten gebildet,Erfindungen gemacht, und wenn man der einheimischen Tradition glaubendürfte, so hätten bereits 432 000 Jahre vor der Sintflut am Euphrat Königeregiert; die letztere wird aber etwa auf das Jahr 35 500 v. Chr. Geb. vonihr berechnet.

Geschichtlich können wir seit dem Ende des fünften Jahrtausends v. Chr.in Babylonien ein Volk unaufgeklärten (jedenfalls nicht semitischen) Ge-schlechts nachweisen, das in zwei Stämme, Sumerier und Akkadierzerfiel. Dieses Volk hat bereits die Buchstabenschrift (Keilschrift) gekannt.Zahlreiche Inschriften, beschriebene Ziegel und Thontafeln, die auf uns ge-kommen sind als Reste seiner Litteratur, verkünden uns seine Geschichteund Gewohnheiten. Eine Reihe von Hauptstädten haben diese Ureinwohnergegründet: Siphar, Akkad, Babilu-Babel, Arku-Orchoe, Larsam (j. Senkere),Uru-Ur, alle am Euphrat gelegen; sie waren zugleich Hauptsitze der Gott-heiten.

Die rasch erworbene Kultur und der Wohlstand der Sumerier undAkkadier reizte die benachbarten semitischen Wüstenstämme. Bald nach4000 v. Chr. drangen die Chaldäer von Westen her, wie es scheint, nichtunter Anwendung von Waffengewalt, sondern friedlich ein, um sich mit dereinheimischen Bevölkerung bald zu vermengen. Der erste aus ihnen hervor-gegangene semitische König Altbabyloniens ist SargonL, der nach einer1882 gefundenen Inschrift um 3800 v. Chr. regierte. Er rühmt sich, dafser im Osten seines Reiches die Elamiten, im Westen die Völker bis zumMittelmeer unter seine Botmäfsigkeit gebracht habe. Jene Zeiten hattenbereits eine hohe Stufe der geistigen Entwickelung erreicht; selbst reintheoretische Wissenschaften wie Geometrie und Astronomie wurden damalsschon gepflegt und in zahlreichen Werken fortgeführt. Wir finden ein aus-gebildetes Münz-, Maas- und Gewichtssystem, eine geordnete Rechtspflege;die Litteratur weist religiöse Dichtungen in epischer und lyrischer Form auf;die Architektur, die, da es im Lande an Steinbrüchen fehlte, mit besonderenSchwierigkeiten zu kämpfen hatte, und in bezug auf Material lediglich aufZiegelsteine angewiesen war, vermochte imposante Bauten herzustellen; einzigdie medizinische Wissenschaft, die bei den Ägyptern eine so hohe Blüte er-eichte, errang bei den Chaldäern geringe Erfolge.

Diesem chaldäischen Reiche ward um 2280 v. Chr. ein Ende gemachtdurch die Eroberung Babyloniens durch die Elamiten, welche gleichfallsdie Kultur der Unterthanen allmählich annahmen, und ebenso ihr Machtgebietperiodisch bis Syrien ausdehnten. Nach 240jähriger Dauer gingen sie in-folge einer Empörung ihrer Herrschaft verlustig; in der Folge fehlte es aberwährend 3^2 Jahrhunderten an einer einheitlichen Regierung (bis 1670).Babylonien zerfiel in mehrere kleinere Fürstentümer, die von östlichen, wiewestlichen Nachbarn nicht allzuselten zu leiden hatten; erst Chammurabi,dem Fürsten der Stadt Babilu (ca. 17001645), gelang es, ganz Babylonienwieder unter einem Scepter zu vereinigen, wodurch Babilu für immer dieHauptstadt des Reiches wurde. Seinem Hause verblieb die Krone bis 1519,in welchem Jahre die Kossäer imOsten einfielen, und die Herrschaft überdie nördliche Hälfte an sich rissen. Die neue Kossäische Dynastie wurdeerst um 1257 durch die Assyr er vertrieben, ohne dafs diese jedoch dauernddas Land halten konnten. Einheimische (chaldäische) Regenten setzten imganzen folgenden Jahrhundert den Kampf mit den Assyrern fort; ja Nebu-kadnezar I (um 11501120) vermochte die Grenzen seines Gebietes durchEroberungen im Osten und Westen wieder zu erweitern; zuletzt jedochwurde auch er von den Assyrern geschlagen, und unter seinem Sohne wardBabylonien durchTiglat-Pilesers Hand assyrische Provinz. Wenn auchseine Nachfolger den Kampf mitunter mit Glück aufnahmen und fortsetzten,in den folgenden Jahrhunderten schwankt Babylonien zwischen Botmäfsigkeitund mühsam errungener Selbständigkeit; geschichtlich tritt es auf lange inden Hintergrund.

Die Assyr er, den Babyloniern eng verwandt, hatten ungefähr seit1450 v. Chr. begonnen, ihre Grenzen mit wechselndem Erfolge zu erweitern.Tiglatpileser I. (um 1120) ist ihr erster ruhmvoller Herrscher, der Assyrien zueiner Grofsmacht erhoben hat. Nachdem er die Berglande nördlich amTigris bezwungen, überschritt er den Taurus, unterwarf das ganze armenischeHoch- und Tiefland bis zum schwarzen Meere, dann zog er gegen Syrien, daser bis zur ägyptischen Grenze unterwarf; ebenso war er, wie oben bemerkt,gegen Babylonien siegreich, so dafs Tiglatpileser sich rühmen konnte, vondrei Meeren werde sein Reich bespült. Langen Bestand freilich hat seineSchöpfung nicht gehabt; schon unter seinen nächsten Nachfolgern ging eingrofser Teil der auswärtigen Besitzungen verloren. Über die folgendenJahrhunderte ist uns jede Kunde genommen; zu Anfang des neunten Jahr-hunderts unter Assurnasirpal befindet sich in assyrischem Besitze aufserdem Stammlande nur noch das obere Tigristhal und die Nordhälfte vonMesopotamien mit Commagene (Kummuh). Unter Assurnasirpal (884860)aber und seinem Sohne Salmanassar II. (860824) begann ein neuer Auf-schwung. Nachdem der erstere den Taurus und Choatras, Nordsyrien unddie Südhälfte von Mesopotamien bezwungen, fügte Salmanassar Mittelsyrien,Cilicien und Cappadocien östlich von Tarsus und dem Antitaurus, Süd-