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Schwierigkeiten der Erbfolge dadurch zu beseitigen, dafs des Königs un-echter Sohn Herakles, geboren von Barsine, der ehemaligen WitweMemnons, die in Damaskus in Alexanders Hände gefallen war, zum Thron-folger ernannt würde. Nearclis Meinung drang nicht durch, und da vonAlexanders rechtmäfsiger Gemahlin Roxane, der Tochter eines baktrischenFürsten, die Geburt eines Kindes in wenigen Wochen zu erwarten war, sowar jetzt die nächste und natürlichste Entschliefsung die, für den Fall dafssin Knabe von ihr kommen sollte, diesem die Krone zu erhalten. Einestarke Partei im makedonischen Heere jedoch wollte den Sohn einer „Bar-barin“ nicht zum Herren haben, stellte den geistesschwachen HalbbruderAlexanders Arrhidaeus als Gegenkandidaten auf, und es bedurfte einigerregelrechter Gefechte und einer Anzahl Toten, bis die zwei Lager unter derBedingung sich einten, dafs Arrhidaeus und der künftige Sohn des ver-storbenen Königs gemeinsam die Herrschaft führen sollten. Der FeldherrPerdikkas, ein Verwandter Alexanders, dem dieser kurz vor dem Endeseinen Siegelring übergeben hatte, damit er während seiner Krankheit dieköniglichen Dekrete ausfertigte, bekam dabei die Stellung eines Reichs-kanzlers und mit derselben nicht nur die Aufsicht über die gesamte Zivil-verwaltung, sondern auch den Oberbefehl über das Heer. Über eine solcheBevorzugung wurden aber die übrigen Feldherren eifersüchtig, und Perdikkassah sich genötigt, die einflufsreichsten derselben, teils um sie zu entschädigen,teils um ein gemeinsames Intrigieren gegen ihn zu verhindern und sie zuentfernen, als Statthalter in den verschiedenen Provinzen des Reiches mitgrofsen Vollmachten einzusetzen. Kraterus, einst nächst dem früh ver-storbenen Hepliaestion der intimste Freund Alexanders, ward Reichsverweserin den europäischen Provinzen, die wiederum in zwei Statthalterschaftengeteilt wurden, die seiner Oberaufsicht unterworfen waren, Makedonien,Illyrien und Griechenland einerseits, Thrakien anderseits. Von diesen erhieltdie erstere Hälfte Antipater, der Sohn des Jollas, ein Mann, den wegenseiner staatsmännischen und militärischen Tüchtigkeit, die schon KönigPhilipp erprobt, Alexander bei seinem Aufbruche nach Persien einst alsReichsverweser in der Heimat zurückgelassen hatte. Thrakien bekam Ly-simaclius, ein gewandter Feldherr, berühmt durch seine riesenhafte Stärke,zugeteilt; da er mit Antipater seit längerer Zeit auf gespanntem Fufse lebte,glaubte Perdikkas, er werde ein geeigneter Nachbar des letzteren sein, umdessen Macht nicht allzusehr anwachsen zu lassen.
Die asiatische Hälfte des Reichs wurde in etwa 26 Provinzen zerlegt.Leonnatus, der mit Perdikkas zusammen die Vormundschaft über den vonRoxane inzwischen geborenen Solin Alexander Aegeus führte (so benanntnach der Stadt Aegae in Makedonien, der ältesten Residenz der Könige)wurde in Phrygien amllellespont (Kleinphrygien) eingesetzt; in Lydienward der bisherige Statthalter Menander belassen. Karien erhieltAsander, ein Bruder des Parmenio, der 334—331 vor Menander Lydienverwaltet und 331 dem Könige frische Truppen aus Europa nach Baktriennachgeführt hatte. Die Küstenlandschaften Lykien und Pamphylienwurden, wie es scheint, Nearcli zugewiesen, der schon von Alexander mitder Verwaltung dieser Provinzen eine Zeitlang betraut worden war. Offenbarhat er aber die ganze Verwaltung alsbald an seinen Freund Antigonuswieder abgetreten, der die Statthalterschaft des angrenzenden Grofsphry-giens mit Lykaonien, Pisidien und Kabalia seit einer Reihe von Jahrenbesafs und in dieser auch jetzt bestätigt wurde. In Kilikien wurde Phi-Iotas eingesetzt, ein persönlich tapferer Mann, Führer einer gröfserenTruppenabteilung, der aber das öffentliche Interesse niemals in hervor-ragender Weise in Anspruch nahm.
Nun waren von Kleinasien noch Kappadokien, I’aplilagonien undBitliynien übrig, Landschaften, in welche Alexander auf seinen Kriegs-zügen niemals gedrungen war, die darum auch der makedonischen Herrschaftnicht unterworfen worden. Sie wurden einem Manne überwiesen, auf dendie makedonischen Generale zu eifersüchtig waren, als dafs sie ihm einegröfsere Machtstellung gegönnt hätten, und dessen Einflufs sie doch wiederzu sehr fürchteten, als dafs sie ihn ganz zu übergehen wagten, d. i. demGeheimschreiber Alexanders, Eumenes, einem Griechen aus Kardia amthrakischen Chersones; und zugleich erhielt Antigonus Befehl, diesem seineSatrapie zu erobern. Antigonus weigerte sich aber, für den „Fremden“ seineTruppen kämpfen zu lassen, und Perdikkas, dem Eumenes wiederholt grofseDienste erwiesen, zog 322 persönlich zu Felde, um diesen dauernd an sichzu fesseln.
In Syrien westlich vom Euphrat mit Phönikien und Palästina wardLaomedon eingesetzt, von dem wir in der Geschichte Alexanders wenigmehr wissen, als dafs er ein angesehener Mann in der Umgebung des Königswar und wegen der Kenntnis einiger vorderasiatischen Sprachen 332 dieAufsicht über die zahllosen Kriegsgefangenen erhalten hatte. Für seineBedeutung spricht aber die Zuteilung einer so wichtigen Provinz. Ägyptenmit den unterworfenen Teilen des nordwestlichen Arabiens, die beste undreichste unter allen Satrapieen, bekam Ptolemaeus, der Sohn eines ein-fachen Soldaten aus Eordaea in Makedonien, namens Lagus, nach andrerÜberlieferung jedoch unechter Sohn König Philipps II. und HalbbruderAlexanders, ausgezeichnet durch persönliche Tapferkeit wie durch Feldherrn-kunst, durch Gewandtheit und staatsmännisclie Einsicht wie durch litterari-sche Bildung, ein Mann, der zumal seit Parmenios Ende immer mehr in denVordergrund getreten war.
Während so in der westlichen Hälfte des Reiches in vielen Ländernneue Statthalter eingesetzt wurden, glaubte Perdikkas in den östlichen, zu-letzt unterworfenen Provinzen wenig ändern zu dürfen, um in ihnen, die andie makedonische Herrschaft kaum gewöhnt waren, durch den Wechsel derBehörden keine Unruhen hervorzurufen. Aufserdem waren sie den ehr-geizigen Generalen Alexanders durch ihre entfernte Lage auch weniger be-gehrenswert, als die Landschaften am Mittelmeer.
Mesopotamien, mit Assyrien verbunden, erhielt zwar Archelaus,der seit 330 Strateg in Susiana gewesen war, ebenso wurden auch in Baby-lonien und Armenien neue Satrapen eingesetzt, Archon und Neopto-lemus, letzterer der ehemalige Kommandeur der königlichen Leibwache;ferner in Grofs-Medien Pithon; in den nördlichen Teilen Mediens, diespäter den Namen Atropatene bekamen, hielt sich Atropates, der schonunter Darius Kodomannus Satrap der ganzen Provinz gewesen und vonAlexander im Besitz seiner Würde belassen worden war. Eine seiner Töchterhatte Perdikkas bei dem grofsen Hochzeitsfeste in Susa zur Frau genommen.Der Name des Statthalters von Susiana ist uns nicht überliefert. Persisbehielt Peucestes; Karmanien der 325 eingesetzte Tlepolemus. InParthien blieb Stagnor; in Baktrien Amyntas, in Ilyrkanien Plira-
taphernes; Sogdiana behielt Philippus; Aria und Drangiana Sta-sanor aus Soli; Gedrosien und Arachosien blieben unter Sibyrtiusvereinigt; das Land der Parapanisaden blieb Oxyartes, dem Vater vonAlexanders Witwe Roxane. Das diesseitige Indien bekamPitlion, der 325von Alexander als Statthalter der Länder des unteren Indus eingesetzt wordenwar; das Land zwischen Indus und Hydaspes blieb bei Taxiles, von da biszum Ilypliasis bei König Porus, der vermutlich auch die schmale Land-schaft am Ostufer des unteren Indus verwaltete. Die letzten beiden Fürstenwaren aber so gut wie unabhängig von der Reichsregierung.
So waren denn äufserlich alle Ansprüche befriedigt, Arrhidaeus undder kleine Alexander Aegeus besafsen nominell die Königswürde, faktischhatte Perdikkas die oberste Gewalt und die Reichsarmee in Händen; dieübrigen Generale Alexanders waren abgefunden und vom Mittelpunkt desStaates entfernt. Aber gerade diese Entfernung liefs in ihnen den Wunschimmer mehr ausreifen, von der Oberhoheit des früheren Kollegen Perdikkassich loszusagen. Wie schon bemerkt, sollte Antigonus für Eumenes Kappa-dokien und Paphlagonien erobern; dieser aber hatte keine Lust, auf eigeneKosten einen unbequemen Nachbar sich zu schaffen, und Perdikkas mufstegegen den Ungehorsamen zu Felde ziehen. Fast gleichzeitig beging Ptole-mäus, der seine Satrapie Ägypten bereits um Cyrenaica vergröfsert hatte,eine Reihe von Eigenmächtigkeiten; der Reichskanzler wandte sich auchgegen ihn, aber nun verbündeten sich Kraterus, Antipater und Neoptolemusmit dem Statthalter, um sich in gemeinsamem Kampfe von der Zentralgewaltganz unabhängig zu machen. Zwar fielen Kraterus und Neoptolemus gegenEumenes, der Perdikkas treu geblieben war, in der Schlacht, aber denletzteren trafen mehrere Mifserfolge, die die Unzufriedenheit der makedo-nischen Truppen, die gegen den bei ihnen beliebten Ptolemäus nicht fechtenwollten, so steigerten, dafs Perdikkas nach einem fehlgeschlagenen Über-gangsversuch über den Nil von einigen Hauptleuten im Zorne erschlagenwurde. Damit fand der Krieg ein rasches Ende.
Zwar wurden nominell Pithon und Arrhidaeus, und als diese ihre Würdebald wieder niederlegten, wurde Antipater zum Nachfolger des Perdikkasernannt, aber nach dem Siege, den die gegen die Zentralgewalt aufrührerischenSatrapen erfochten, sank deren Bedeutung immer mehr. Gleichzeitig wurdenauf einem Kongresse zu Triparadisus eine Reihe von Änderungen in derVerteilung der Statthalterschaften vorgenommen. Phrygien am Ilelles-pont ward Arrhidaeus gegeben, Lydien erhielt Clitos; Kappadokienund Paphlagonien Nikanor; in Kilikien ward Philoxenus bestätigt,den Perdikkas kurz vor seinem Tode an Philotas Stelle eingesetzt hatte.Nach Armenien ward der ehemalige persische Stadthalter Orontes zurück-geführt; Mesopotamien bekam jetzt Amphimachus, BabylonienSeleucus; Susiana Antigonus. Dem bisherigen Inhaber von SogdianaPhilippus ward Parthien zugewiesen; nach Sogdiana und Baktrien kamStasanor, der bisher Aria und Drangiana verwaltet hatte; seinen Platzerhielt Stasander. Alle andern Länder behielten ihre bisherige Regierung.Eine kurze Zeit lang nach dieser Neugestaltung war Ruhe. Da traf sich dasUnglück, dafs schon nach zwei Jahren Antipater starb (319). Zum Nach-folger in seiner Würde hatte er mit Umgehung seines Sohnes Kassanderden Polysperchon bestimmt; Kassander war aber nicht gewillt, die Zurück-setzung sich gefallen zu lassen und verband sich mit Antigonus, um mit Ge-walt den väterlichen Machtbesitz sich zu erringen. Es gelang ihm auch inGriechenland mit Erfolg einzudringen, Makedonien einzunehmen; die MutterAlexanders, die für Polysperchon Partei genommen, ward hingerichtet, dannaber sagte er sich von seinem Verbündeten los, da dieser immer offenbarerdarnach strebte, die Oberherrschaft über das ganze Reich zu erringen, undsclilofs sich Ptolemaeus, Seleucus und Lysimachus an, die sich gegen Anti-gonus’ Ansprüche vereinigt hatten. Anfangs hielten der letztere und sein SohnDemetrius gegsn die Koalition sich so tapfer, dafs die Verbündeten eine Zeit-lang (im Frieden von 311) des Antigonus Oberhoheit über ganz Asien an-erkennen mufsten. 310 verlor er aber den Osten an Seleucus, und 301 beiIpsus Schlacht und Leben, worauf die Sieger, die 306 alle Antigonus’ Beispielfolgend, den Königstitel angenommen hatten, nachdem in den vorhergehendenWirren die gesamte Familie Alexanders des Grofsen mit dessen beiden Söhnenermordet worden war, das ganze Reich unter sich verteilten. Cassander be-hielt Makedonien und Griechenland, Ptolemaeus Ägypten, des LysimachusBesitz wurde um die westliche Hälfte Kleinasiens vermehrt; den Löwen-anteil, den gesamten Osten nahm Seleucus für sich in Anspruch. Damit wardas Reich Alexanders, das faktisch schon seit des Perdikkas Tode keineEinheit mehr gebildet hatte, auch formell aufgelöst.
Zu Seite 9:
REICH ALEXANDERS DES GROSSEN.
Kartons: Schlachten am Granikus und bei Issus.Belagerung von Tyrus.
Makedonien hat bis auf König Philipp II., den Vater Alexanders desGrossen, politisch keine bedeutende Rolle gespielt. Sein Umfang war zwar,seit die Grenzen in den Perserkriegen erweitert worden waren, im Verhältniszu hellenischen Staaten nicht klein; die Einwohner aber waren in ihrer Ent-wickelung hinter den Griechen weit zurückgeblieben, und da die ganzeMeeresküste seit dem sechsten Jahrhundert sich in den Händen der letztembefand, war ihnen lange Zeit jeder freiere Verkehr abgeschnitten.
König Philipp war es, der in 23jähriger Regierung (359—336) ausseinem bisher gering geschätzten Lande durch die Klugheit und Ent-schlossenheit, mit der er die griechische Uneinigkeit und Schwäche benutzte,eine Grofsmacht schuf; als er starb, konnte er seinem Sohne Alexander einum die ganze thrakische Südküste und einen grofsen Teil des Binnenlandesvermehrtes Reich und die anerkannte Oberhoheit über das gesamte Grie-chenland, mit Ausnahme von Kreta und dem in seinen Grenzen sehr redu-zierten Sparta übergeben.
Sobald dieser auf den Thron gelangt, nahm er den Plan auf, den seinVater schon gefafst gehabt hatte, das persische Reich anzugreifen und ihmdie Herrschaft über Asien zu entreifsen. Nachdem er mehrere Aufständeim Norden und Süden seines Reiches niedergeworfen und dessen Grenzen inThrakien erweitert, setzte er im Jahre 334 v. Chr., kaum zwanzig Jahre alt,mit 30,000 Mann zu Fufs und 5000 Reitern über den Hellespont, schlugdie Perser, die ihm am Flüfschen Granikus gegenübertraten, und erobertein zweijährigem Kampfe ganz Kleinasien bis Kappadokien und Kilikien. BeiIssus, in einem engen Thale zwischen Gebirge und Meer stellten sich ihm die
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