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Perser zum zweitenmale gegenüber, diesmal unter Anführung ihres Königs,Darius Kodomannus, selbst, und mit einem ungeheuren Heere, in welchemallein die Zahl der angeworbenen griechischen Hilfstruppen die makedo-nische Armee übertraf. Abermals wurden die Feinde unter grofsem Ver-luste in die Flucht geschlagen; ihr Lager und ein Teil der Familie desKönigs, Frau, Mutter und Töchter, fielen in die Hände der Sieger. EheAlexander die Perser weiter nach Osten verfolgte, wollte er die südwest-lichen Provinzen ihres Reichs sicher in der Gewalt haben, um in jeder Be-ziehung im Rücken gedeckt zu sein. Er unterwarf Syrien und Phönikien,wo die Inselstadt Tyrus ihm einen siebenmonatlichen hartnäckigen Wider-stand entgegensetzte, den er erst nach Aufschütten eines riesenhaftenDammes, durch welchen er die Insel mit dem Festlande verband, bezwang.Palästina und Ägypten unterwarfen sich ihm, mit Ausnahme von Gaza,freiwillig. Nachdem er unweit von Kanopus an einer günstig gelegenenStelle, deren Vorzüge er mit raschem Blicke erkannt, eine neue Stadt, nachihm Alexandria genannt, gegründet und einen friedlichen Zug nach der Oaseund dem Tempel des Juppiter Ammon unternommen hatte, brach er imFrühjahr 331 wieder gegen Darius auf, der in Assyrien unterdessen gegeneine Million neuer Truppen konzentriert hatte. Bei Gaugamela, nichtweit von den Ruinen des alten Ninive kam es zur Schlacht, aber trotz derfeindlichen Überzahl siegte Alexanders Feldherrnkunst und die Kriegs-tüchtigkeit seiner Truppen zum drittenmale. Darius flüchtete sich jetzt indie Berge Mediens, und fast ungehindert konnte Alexander Babylonienund Persis durchziehen, in dessen Hauptstadt, Persepolis, er die herrlicheKönigsburg niederbrennen liefs, zur Sühne der Verwüstungen, die Xerxeseinst in Griechenland angeordnet.
Bald darauf wurde Darius von einem seiner Satrapen, Bessus, demStatthalter von Baktrien entthront und ermordet; Alexander rächte jedochan dem Mörder, den er bis Sogdiana verfolgte, die Frevelthat grausam, undnahm fast alle früheren persischen Provinzen an sich, nordwärts bis an denSarniusflufs in Hyrkanien und den Mittellauf des Jaxartes, an dem er zurErinnerung an diesen fernen Zug Alexandria Eschate gründete.
Obgleich mehrere Meutereien im eignen Heere ihm zeigten, wie sehrOffiziere und Soldaten des abenteuerlichen Marschierer allmählich über-drüssig geworden waren, und nach Europa zurückzukehren wünschten, drangder thatendurstige Alexander 327 bis nach Indien vor, besiegte dort denKönig Porus, der am Pendschab ein grofses Reich besafs, beliefs ihm jedochseine Herrschaft. Den Hyphasis hatte er bereits überschritten, und wolltejetzt nach dem Ganges ziehen, — da aber weigerten sich seine Soldaten soeinmütig, weiter zu gehen, dafs Alexander nichts übrig blieb, als nachzu-geben und grollend den Rückmarsch anzutreten. Unter beständigen Kämpfenrückte er 325 noch südwärts bis zum Indusdelta, und liefs von hier einenTeil des Heeres nach dem persischen Meerbusen bis zur Tigrismündungfahren; mit den übrigen Truppen zog er durch die Wüsten Gedrosiens, Kar-manien, Persis, Susiana nach Babylon.
Hier entwickelte er die grofsartigsten Pläne, Orient und Occident zuverbinden; schon in Susa hatte er 10 000 seiner Soldaten mit Perserinnensich verehelichen lassen, um die Verschmelzung anzubahnen; während es sonstim Altertum Sitte war, dafs besiegte Völker in ein Unterthanenverhältnis zuden Siegern traten, wollte er Gleichberechtigung aller Völker seines Reichs.Das grofse persische Strafsennetz sollte ausgebaut, der Seeweg vom per-sischen Meerbusen nach dem roten Meer, der die Verbindung zwischenBabylon und Alexandrien in sich schlofs, sollte aufgesucht werden. Mittenin diesen Entwürfen, deren Ausführung eine Unvwälzung der damaligen Ver-hältnisse hervorgerufen, hätte, deren Folgen gar nicht berechnet werdenkönnen, erkrankte Alexander, und nach wenigen Tagen (Frühsommer 323)war der König, dessen Körper den übermäfsigen Anstrengungen verbundenmit den Ausschweifungen, die er sich in den letzten Jahren immer mehr an-gewöhnt hatte, nicht mehr gewachsen war, eine Leiche. Seine Pläne wur-den mit ihm zu Grabe getragen. Da ein Nachfolger in der Regierung for-mell nicht ernannt war, ein Sohn ihm erst nach dem Tode geboren wurde,sein Bruder Arrhidäus aber an Geistesschwäche litt, erhoben sich alsbaldStreitigkeiten, wer die Erbschaft anzutreten hätte. Bei denselben ist dasWeltreich, das Alexander geschaffen, ebenso rasch zerfallen, als es auf-gebaut worden war.
Zu Seite 10—12 und Seite 11:
ITALIEN. UMGEBUNG VON ROM. ITALIEN VORDER EINWANDERUNG DER GALLIER.
Mit den Kartons: Die 11 Regionen Italiens unter Augustus.Campania. Militärstrassen und Kolonien der Römerum 150 v. Chr. Latium.
Unter Italien versteht man seit dem zweiten vorchr. Jahrhundert diemittlere der drei grofsen Halbinseln, die das Mittelmeer an der europäischenKüste bildet; dieselbe ist ihrer ganzen Länge nach von den Apenninendurchzogen, und wird deshalb vielfach auch nach dem Gebirge benannt. Mitden dazu gehörigen Inseln Sizilien, Sardinien, Korsika, Malta, Elba etc. um-fafst die Halbinsel einen Flächenraum von etwa 330 000 Quadratkilometer.In ältester Zeit verstand man unter dem Namen Italien nur die südlicheHälfte der Landschaft Bruttium; erst allmählich dehnte sich das unter dieserBezeichnung verstandene Terrain aus. Nocli im vierten Jahrhundert umfafstees nur erst den Süden der Apenninenlialbinsel, seit dem dritten, seit derEinigung des gröfsten Teiles der letzteren unter römischer Herrschaft, allesLand südlich der Kelten und Ligurer, d. h. der Linie, die durch das StädtchenAd Fines im Westen und den Aesisflufs zwischen Ancona und Sena Gallicaim Osten gebildet wird. Cato und Polybius sind die ersten Schriftsteller, vondenen wir wissen, dafs sie die Bezeichnung Italien auch auf die Poebene unddie Thäler am Südabhang der Alpen ausgedehnt haben. Die Inseln trenntensie immer noch davon, und auch August änderte bei der Organisation derApenninenlialbinsel in elf Regionen daran nichts. Erst Kaiser Diocletianwar es, der 397 .n. Chr. bei der grofsen Neueinteilung des Reiches Sizilien,Sardinien und Korsika und die übrigen dazugehörigen kleinen Inseln mit derDioecese Italien vereinigte.
Der Boden der Apenninenlialbinsel ist meist fruchtbar, besonders in denPoebenen, relativ weniger gesegnet sind die südlichen Provinzen mit Aus-nahme Campaniens, dessen Gefilde infolge der vulkanischen Natur des Landesungemein ertragsfähig sind. Dagegen sind die grofsenteils abgeholzten Höhen
der Gebirge in ganz Italien wasserarm und für den Anbau von Getreide nichtgeeignet. Das Klima der Halbinsel gehört zu den mildesten und angenehmstenEuropas, nur die Gebirge sind rauh.
Ein geteilt wird die Apenninenlialbinsel (in ihrer gröfsten Ausdehnunggenommen) gewöhnlich in vier Teile, Ober-, Mittel-, Unteritalien und dieInseln. Doch so scharf das Pogebiet von Mittelitalien sich scheidet, dieGrenze zwischen dem letzteren und Unteritalien ist von der Natur nicht deut-lich genug gezeichnet, als dafs sie ohne eine gewisse Willkürlichkeit vonuns angenommen werden könnte. Gewöhnlich werden die Landschaften nörd-lich vom Silarus und Frentofiufs, d. h. von Lucanien und Apulien zu Mittel-italien gerechnet.
Oberitalien finden wir zu Beginn unsrer genaueren geschichtlichenKunde, etwa im siebenten Jahrhundert v. Chr. in seinem westlichen Teile imBesitze der Ligurer, die zugleich ganz Südfrankreich östlich von der Rhoneinne haben, und erst durch die Einwanderung der Gallier am Ausgange desfünften Jahrhunderts v. Chr. nach Osten geworfen und auf die Gebirge be-schränkt wurden. Sieteilen sich mit den Illyrern, zu denen die Veneterund Japygen jetzt fast allgemein gerechnet werden, in die Ehre, bei vielenForschern für die ehemaligen Ureinwohner der ganzen Apenninenhalbinselzu gelten, die hier durch die Einwanderung des italischen, dann des etrus-kischen Volksstammes in die Winkel, in denen wir sie zu Anfang der Ge-schichte finden, gedrängt worden seien. Ist dem so, so müssen diese Völker-verschiebungen vor dem 15. Jahrhundert v. Chr. eingetreten sein, da umjene Zeit schon die Etrusker, oder wie die Griechen sie lieifsen, Tyrrhener,(sie selber nannten sich Rasennaten), ihre späteren Sitze inne hatten, undals seefahrende und Seeraub treibende Nation auf ägyptischen Denkmälernaufgezeichnet werden.
Längere Zeit hatten die Etrusker, die vermutlich aus Iiaetien, aus derGegend des heutigen Graubünden und des westlichen Tirols hergekommensind, nachdem sie auf ihrer Wanderung nach Süden in Mittelitalien an denlatinisch-umbrischen Stämmen vorläufig Widerstand gefunden, und im heutigenToskana in Masse sich niedergelassen hatten, in den weiten Landstrichenzwischen ihrer alten uud neuen Heimat eine ansehnlich« Macht behauptenkönnen; nicht nur, dafs sie die fruchtbaren Ebenen des mittleren Po innehatten, ostwärts war ihnen periodisch Venetien bis Istrien unterthan, westwärtsdie Ligurer bis Antipolis (Antium). Auch über die Inseln, die vor ihrer Küstein dem später nach ihnen benannten Meere lagen, versuchten sie ihre Machtauszudehnen. Sie besetzten Elba und einen grofsen Teil Korsikas. Ende dessiebenten Jahrhunderts v. Chr. gelang es ihnen, wie neuerdings wieder mit Glücknachgewiesen worden ist, endlich auch Latium, das Volscerland, die Auruncerzinspfiichtig zu machen; in Campanien, das ehemals von einem Volke desselben(latinischen) Stammes bewohnt war, wie die nördlichen angrenzenden Land-schaften, drangen sie in grofsen Scharen ein, und es fiel ihnen, mit Ausnahmeder Seestädte, die die Griechen bereits besetzt hielten, in die Hände. Erstnach etwa hundertjähriger Dauer ward der etruskischen Herrschaft in Latiumund im Volscerlande durch die Erhebung der eingeborenen italischen Bevöl-kerung ein Ende gemacht, in Campanien dagegen hielt sie sich bis zum Jahre423 v. Chr., in welchem die Samniter nach der Erstürmung der HauptstadtCapua die ganze Provinz an sich rissen. Starke Massen des etruskischenVolkes können aber südlich vom Tiber niemals gewohnt haben; dies beweistdas rasche Aufgehen der Eindringlinge in der Nationalität der Eingeborenen,sobald sie die Oberherrschaft über die letzteren eingebüfst hatten. In Ober-italien ward erst durch die Gallier die Macht der Etrusker gebrochen, ihrGebiet auf Toskana und das Land westlich vom Tiber beschränkt. Als danndie Gallier wiederum seit dem Ende des dritten Jahrhunderts v. Chr. von denRömern unterworfen wurden, ward der von jenen dauernd besetzte Teil Ober-italiens von den Siegern nach ihren nunmehrigen Besitzern Gallia benannt,mit dem Zusatze, — zur Unterscheidung von den Kelten jenseits der Alpen,— Cisalpina. Die beiden durch den Po geteilten Hälften heifsen GalliaCispadana und Transpadana. Die wichtigsten Völkerschaften in derletzteren waren von jener Zeit an die Insubrer und Cenomanen; in derersteren die Boier und Lingonen.
Auch in Mittelitalien traten aul'ser den durch die Etrusker verur-sachten Bewegungen innerhalb des Gebietes der einzelnen umbrisch-sabelli-schen Stämme in historischer Zeit mancherlei Verschiebungen ein; haupt-sächlich die Samniter waren es, die längere Zeit einen erheblichen Teil ihrerStammesgenossen bezwungen hielten, — aber ein Volk fremden Geschlechtshat nur Umbrien dauernd aufnehmen müssen, indem dessen nördliche Hälftedie senonischen Gallier, dieselben, die Rom einst niedergebrannt, Anfang desvierten Jahrhunderts besetzten und festhielten.
Die in diesen Landstrichen wohnenden sogenannten italischen Völker,deren Wohnsitze wir nach Einschränkung der Etrusker und Abwehr desweiteren Vordringens der Kelten im wesentlichen konsolidiert finden, zer-fielen, wie wir im Vorausgegangenen schon berührten, in zwei Stämme, dieLatiner (im weiteren Sinn genommen), und die an Kopfzahl wie an Gröfsedes Gebiets diesen weit überlegenen Umbro-Sabeller. Die Latiner teiltensich wiederum in Latiner im engeren Sinn, Ilernicer, Volscer, Au-runcer, und ihr Gesamtgebiet erstreckte sich vom Tiber und dem agerRomanus im Norden bis zum Massischen Berge im Süden zwischen Sinuessaund Volturnum.
Die Umbro-Sabeller scheiden sich in drei Gruppen: die Umbrer undPicener, die östlich vom Tiber auf beiden Seiten des Gebirges wohnten,dann die Sabiner, Aequer , Marser, Paeligner, Marruciner,Vestiner, die in der Mitte zwischen den Umbrern undPicenern einerseits,den Latinern anderseits ihre Sitze haben. Östlich und südlich scliliefsen sichendlich als dritte Gruppe die Frentiner und Samniter an, welch letztereseit 423 v. Chr. nicht blofs die Hochlande im Innern, sondern auch die cam-panische Ebene inne haben. —
Unteritalien zerfällt in zwei natürliche Hälften, Apulien mit Calabrienund Lucanien mit Bruttium. Im ersteren Teile finden wir die Japyger ein-heimisch, ein Volk •offenbar illyrischen Geschlechts, das in vorhistorischerZeit einen weit gröfseren Teil Italiens inne hatte. Die Iapyger zerfielen indrei Stämme, die Daunier, Poediculer und Messapier, von denen diebeiden nördlichen, hauptsächlich von Tarent aus, sich allmählich liellenisierten,während die Messapier dem Griechentume fortdauernd Widerstand leisteten.Alle drei wurden dann im Anfang der römischen Kaiserzeit, wfie ganz Italien,romanisiert.
Schwierig liegen die ethnographischen Verhältnisse in Lucanien. Wiees scheint, wohnten auch hier ursprünglich Illyrer, die aber seit dem achtenJahrhundert zur See von den Griechen, die eine Kolonie nach der andern an