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Professor G. Droysens allgemeiner historischer Handatlas : in sechsundneunzig Karten mit erläuterndem Text / ausgeführt von der Geographischen Anstalt von Velhagen & Klasing in Leipzig unter der Leitung von Dr. Richard Andree
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dafs die jeder Unterstützung beraubten, ja selbst einer gemeinsamen Leitungentbehrenden Gemeinden aus einer Position nach der andern verdrängtwurden. Hauptsächlich die Hellenen waren es, die die Schwächung der Phö-nikier energisch ausnützten. Seit 800 v. Chr. begannen sie, nachdem siedas Übergewicht im östlichen Mittelmeer glücklich errungen, den Fährtenihrer früheren Lehrmeister auch im Westen nachzugehen und diesen inItalien und Sizilien erfolgreiche Konkurrenz zu machen. Schon 758 v. Chr.ward auf Sizilien Syrakus gegründet, 753 Leontini, dann 704 Katana; durchzahlreiche weitere Kolonien in Ostsizilien und Unteritalien befestigten dieHellenen diesen Besitz; bald drangen sie auch nach Westsizilien vor, grün-deten Selinus, Himera und Akragas, die Phönikier vordrängend. Die Pho-käer dehnten ihre Expeditionen bereits weiter aus; die ersten, die ,naveslongae 1 bauten, fuhren sie seihst nach den entferntesten Besitzungen ihrerRivalen, nach Tartessus, wohin kurz vorher die Samier in einer abenteuer-lichen Fahrt durch Zufall verschlagen worden waren, von der sie grofseReichtümer mitgebracht hatten. In Gallien gründeten sie um 600 v. Chr.Massilia; in Libyen die Theraer Kyrene; schon wagten die Jonier in der Kältevon Karthago mitten unter den pliönikischen Kolonien Kybos zu bauen, inanderhalb hundert Jahren haben die Hellenen bedeutendes geleistet.

Da erfolgte um das Jahr 600 mit einemmale ein Stillstand. Die phö-nikischen Kolonien, die jetzt noch in alter Selbständigkeit vorhanden waren in Nordwestlibyen, der westlichen Ecke Siziliens und in Iberien, hatteneingesehen, dafs sie bei ihrer geringen Zahl und ihrer Zersplitterung einemsicheren Untergange entgegengingen wenn sie nicht rechtzeitig ihre Kräfteaufböten und hatten grofsenteils teils freiwillig, teils gezwungen, Karthagopolitisch sich untergeordnet. Weiter hatte Karthago von den Griechen undihren Erfolgen gelernt, dafs es nicht genügt, um den Handel eines Landesauf immer in seine Hände zu bringen, dafs man an den Küsten Faktoreienoder dünn bevölkerte Städte gründet und Verträge mit den Eingeborenenabschliefst; Karthago war jetzt eine Militärmacht geworden, die weite Streckendes libyschen Binnenlandes in ihren Besitz gebracht hatte, mächtige Heere undFlotten unterhielt und dem weiteren Vordringen des Hellenentums mit Machtsich entgegenstellen konnte. Karthago war entschlossen, der Verringerung desBesitzstandes der pliönikischen Kolonieen nicht länger zuzuschauen, undführte, um ihn aufrecht zu halten, mit den griechischen Ansiedlern einenhartnäckigen Verteidigungskrieg; aus diesem Kriege ist es als Sieger hervor-gegangen. Als 579 v. Chr. die Knidier und Rhodier in Lilybaeum sich fest-zusetzen versuchten, wurden sie durch die Phönikier, die von den Elymernaus Segeste unterstützt waren, wieder vertrieben, und als um 559 die Jonierauf den Rat des Bias Jonien insgesamt zu verlassen und auf Sardinien sichniederzulassen drohten, unterwarfen die Karthager eilend einen bedeutendenTeil der Insel mit Waffengewalt, um eine Landung der Jonier zu verhindern.Auf dem den Etruskern gehörigen Korsika hatten die Phokäer 557 inAlalia sich noch niederlassen können; als aber 20 Jahre später das gesamtephokäische Volk nach Alalia übersiedelte, erschien sofort die vereinigteFlotte der Karthager und Etrusker, 120 Segel stark, die die Phokäerzwang, weiter nach Osten sich zurückzuziehen, und in Velia sich niederzu-lassen. Nirgends ist ein Fortschritt der Griechen mehr zu verzeichnen.Kybos, die vorgeschobene jonische Kolonie in Libyen, ward von den Kartha-gern ganz zerstört; während dieselbe zu Hekataeus Zeiten (um 500 v. Chr.)noch besteht, ist sie bald nach ihm spurlos verschwunden; niemand kenntihre Geschichte und ihren Fall. Ebenso ist es mit den griechischen Ansiede-lungen in Spanien, die alle zu Grunde gingen; mit Ausnahme von Massiliain Ligurien, das an der ihm benachbarten Küste mit Erfolg sich auszubreitenvermochte, wurden alle hellenischen Besitzungen westlich von Sizilien an Kar-thago verloren. In Sizilien selbst, wo die Phönikier nur noch den äufserstenNordwesten besafsen, agressiv vorzugehen, wagten die Karthager erst, alssie um 480 v. Chr. von dortigen Griechen gegen deren Stammesgenossen zuHilfe gerufen wurden. Unter Anführung des Hamilkar setzten sie mit einemgrofsen Heere nach der Insel über, um zunächst Agrigent sich zu unter-werfen, aber bei Himera erlitten sie angeblich am selben Tage, an demdie Schlacht bei Salamis stattfand, durch Theron, den Tyrannen vonAgrigent und Gelon; den Tyrannen von Syrakus eine solche Niederlage, dafssie 70 Jahre lang den Versuch nicht zu wiederholen wagten, ihre Besitzungenauf Sizilien auszudehnen. Erst 409 unternahmen sie, durch den Hilferuf derBewohner von Egesta veranlafst, die im Kampfe mit Selinus lagen, einezweite grofse Expedition gegen die Insel; diesmal wai'en sie von Ilannibal,dem Enkel des Hamilkar geführt, und glücklicher. Ilannibal eroberte Selinusund Himera; als er 406 gestorben war, nahm sein Nachfolger Himilko Agri-gent und Gela und einen erheblichen Teil des inneren Siziliens ein, und als404 die Karthager infolge einer Pest, die in ihrem Heere ausbrach, mitDionys von Syrakus, der die Suprematie über die meisten Inselgriechen besafs,Frieden schliefsen mufsten, gelang es ihnen, die formelle Abtretung des ganzenGebietes westlich vom Halicus- und Ilimeraflufs zu erwirken. 397 v. Chr.erklärte Dionys den Puniern von neuem den Krieg, und es glückte ihm an-fangs auch bis Motye vorzudringen und diese Stadt einzunehmen; dann aberwandte sich das Geschick; Himilko erschien mit einer grofsen Flotte undeinem ansehnlichen Landheer, nahm die verlorenen Städte wieder ein, trugsiegreich den Krieg bis vor die Tliore von Syrakus, belagerte diese Haupt-stadt. Da aber brach abermals eine Pest im karthagischen Heere aus, diedasselbe so schwächte, dafs es von jetzt an erhebliche Verluste erlitt undHimilko zum Abzug unter Preisgebung der libyschen Truppen gezwungenwurde. Gleichzeitig erhob in Libyen jetzt sich ein Aufstand, wo die Ein-geborenen über die Behandlung ihrer Stammesgenossen vor Syrakus erbittertwaren und über Steuerdruck klagten, doch wurde er nach anfänglichem Siegeder Empörer bald unterdrückt. Noch zweimal führte Dionys mit den Kar-thagern mit wechselndem Erfolge Krieg; dem zweiten Feldzuge machte seinTod (367 v. Chr.) ein Ende.

Dasselbe Schwanken des Schicksals hatte auch die folgende Zeit. DerEroberungen, die die Karthager unter Dionysius I. Sohn, Dionysius II. ge-macht, gingen sie durch Timoleon 340 v. Chr. wieder verlustig, ohne dafsdieser aber auch die Städte westlich vom Halicus hätte befreien können.Ebenso endigten die langwierigen Kämpfe mit Agathokles mit der Anerken-nung des alten Besitzstandes der Punier und die Verluste, die die letzterendurch Pyrrhus erlitten, wurden durch dessen frühzeitigen Abzug von der Inselwieder eingebracht.

Erst durch den ersten punischen Krieg ward auf der schwerheimgesuchtenInsel ein dauernder Zustand geschaffen. 264 v. Chr. waren die Römer voneinem Teil der Mamertiner in Messana gegen die Syrakusaner zu Hilfe ge-rufen und dadurch in einen Krieg mit den Karthagern verwickelt worden,

die, von einer andern Partei um Beistand gebeten, Messana noch vor Ankunfteines römischen Heeres besetzt hatten. Die Römer vertrieben die punischeBesatzung aus Messana, und schlugen ein vereinigtes Heer der Karthager undSyrakusaner 263 empfindlich, so dafs die letzteren es vorzogen, mit den Siegernvon jetzt an gemeinsame Sache zu machen; daraufhin nahmen die Römer Agri-gent ein, schlugen die Punier zur See bei Mylae (260) und Eknomus (256).Zwei Konsuln landeten nunmehr in Afrika selbst, um den Krieg' zu einerschnellen Entscheidung zu bringen, und errangen dort solche Erfolge, dafs sievermeinten, jetzt mit der Hälfte ihrer Armee Karthago vollends bezwingen zukönnen. Nur ein Konsul, Regulus, blieb also in Afrika, und diesem gelanges auch, ein karthagisches Heer so entscheidend zu schlagen, dafs die Punierum Frieden baten. Infolge der Härte der Bedingungen, die Regulus stellte,entbrannte aber der Kampf von neuem, und jetzt ward Regulus geschlagen,gefangen, der gröfste Teil seiner Armee vernichtet. Eine römische Flotte, dieden Rest retten wollte, ging durch Sturm zu Grunde (255 v. Chr.); eine zweiteFlotte, die ausgesandt war, die libysche Küste zu verheeren, ward 253 gleich-falls durch Unwetter vernichtet. Zwar erfochten die Römer 251 einen be-deutenden Sieg bei Panormus, wurden aber 249 wieder zur See geschlagen,und verloren gleich darauf wiederum zwei Flotten hintereinander durch Sturm.Nicht bloss die Römer, auch die Karthager, waren jetzt auf das äufsersteerschöpft, so dafs die letzteren die Unfälle der Gegner nicht genügend aus-zunutzen vermochten. Noch sieben Jahre dehnte sich der Krieg zu Landeaus, im Westen Siziliens, wo der tapfere Hamilkar den Feinden viel zu schaffenmachte (248242). Da rafften sich die Römer 241 zu einem entscheiden-den Schlage auf, brachten mit ungeheurer Anstrengung noch einmal eine Flottezusammen, und schlugen die Karthager bei den aegatischen Inseln aufsHaupt. Jetzt gaben diese die Hoffnung auf einen nochmaligen Schicksals-wechsel auf, und räumten im Friedensschlufs Sizilien. Die Arbeit von zwei-einhalb Jahrhunderten war damit auf immer verloren.

Das Unglück der Punier war noch nicht zu Ende. Es mangelte über-all an Geld; den Söldnerscharen, welche in Sizilien gekämpft hatten, konnteder rückständige Lohn nicht ausbezahlt werden. Die Folge war, dafs dieletsteren, kaum dafs sie nach Libyen zurückgeführt worden waren, sich em-pörten und mit den Eingeborenen des Landes, auf denen die Herrschaft derSemiten stets drückend lastete, zur Vertilgung ihrer Herren sich verbanden.Dreieinhalb schlimmer Jahre bedurfte es, bis die Karthager des Aufruhrs mitMühe Herr wurden, und als sie den Sieg endlich unter Anführung Hamilkarsdavongetragen, da nahmen die Römer ihnen, die zu geschwächt waren, alsdafs sie gegen die Gewaltthat sich hätten wehren können, unter nichtigemVorwände Sardinien und Korsika weg.

Um seinem Vaterlande nach solch furchtbaren Verlusten neue Kraft zu-zuführen, fafste der unermüdlich thätige Hamilkar den glücklichen Plan, dasdurch seine Bergwerke wie durch die Fruchtbarkeit des Bodens reiche Spanien,von welchem bis jetzt nur die Südküsten in karthagischem Besitze gewesenwaren, zu erobern. 236 v. Chr. setzte er mit einem ansehnlichen Heere überdie Meerenge von Gades, und unterwarf in neun Jahren einen ansehnlichenTeil des Landes. Sein Schwiegersohn Ilasdrubal und sein Sohn Hannibal setztendie Eroberungen mit Erfolg fort, so dafs 218 v. Chr. der gröfste Teil Spanienssüdlich vom Ebro in punischen Händen war, und Karthago über ein ansehn-liches Machtgebiet wieder verfügte. Durch dieses Emporblühen erweckte esaber naturgemäfs die Eifersucht der Römer, und es bedurfte nur eines unbe-deutenden Anlasses es handelte sich um die Frage, ob Hannibal nach denbestehenden Verträgen das Recht gehabt, 218 die halbgriechische Stadt Sagunteinzunehmen, oder nicht, um einen Krieg zwischen den beiden Grofs-mächten zu entflammen. Der Anfang des Kampfes war den Römern ent-schieden ungünstig. Hannibal, der auf den Beistand der Kelten der Poebeneund der ihrer Herren längst überdrüssigen Griechen Unteritaliens rechnete,fafste sofort nach der Kriegserklärung den Plan in Italien mit einem starkenHeere einzufallen, um alle Unzufriedenen gegen Rom zu insurgiren. Da erkeine Flotte besafs, die genügend zahlreich war, um eine Armee von 100,000Mann mit der entsprechenden Reiterei nach der Halbinsel überzusetzener hätte dazu nach Liv. 21, 17, 5 ungefähr 600650 Schiffe bedurftsobeschlofs er, kühn wie er war, trotz der Schwierigkeit, die die Verproviantie-rung in den unwirtlichen Gegenden haben mufste, den Landweg über die Alpenund Pyrenäen zu versuchen. Dieser Versuch hatte zwar insofern einen Mifs-erfolg, als Hannibal auf dem mehrmonatlichen Marsch zwei Drittel seinerArmee einbüfste; mit den übrig gebliebenen 26000 Mann aber schlug er dieRömer am Ticin und am Trebia, und brachte durch diese zwei Siege, wie ergehofft, den gröfsten Teil der oberitalischen Gallier auf seine Seite. Im folgen-den Jahre vernichtete er ein römisches Heer am Trasimenersee; 216 v. Chr.ein feindliches Doppelheer bei Cannae; nach diesen über Erwarten grofsenErfolgen erschien der Ausgang des Krieges vielen der Rom unterworfenenVölker Italiens bereits so unzweifelhaft, dafs sie zu ihm übergingen.

All diesen Unglücksfällen gegenüber bewahrten die Römer eine bewun-dernswerte Festigkeit und Ausdauer, und da Hannibal bald nach seinen Siegendadurch, dafs er genötigt war, in viele der zu ihm übergegangen StädteBesatzungen zu legen, seine Feldarmee erheblich schwächte, und wenn er dieLücken verstärken wollte, meist nur auf Überläufer angewiesen war, weilseine Vaterstadt in unbeschreiblicher Verkennung ihrer nächsten Aufgabenihm nur geringen Nachschub sandte, so konnte es aus allen diesen Gründen ein-treten, dafs sein Truppenmaterial dem der Römer an Kriegstüchtigkeit baldnaclistand. 215 v. Chr. wurde er bei Nola von Marcellus geschlagen, 212fiel Syrakus, das zu ihm übergegangen war, in die Hände der Römer, 211Capua; wohl zeigte Hannibal noch oft durch empfindliche Niederlagen, die erden Römern zufügte, sein Feldherrntalent, dennoch wurde er immer mehr zurDefensive gedrängt, weil seine Bundesgenossen zu ihrem Schaden einsahen,dafs er nur diejenigen von ihnen wirksam zu schützen vermochte, bei denener persönlich amvesend war, und deshalb ihren Frieden mit den Römern her-zustellen suchten. Hannibals Bruder, Hasdrubal, der den Oberbefehl inSpanien führte, vermochte, weil in der eigenen Provinz vom Feinde bedrängt,nach Italien keine Plilfstruppen zu senden; zuletzt sah er ein, dafs die Ver-teidigung der dortigen Positionen für die Entscheidung des Krieges wichtigersei, als die Spaniens, gab das letztgenannte Land ganz auf und führte diegesamte ihm unterstellte Armee nach Italien, um sich mit seinem Bruder zuvereinigen. Rom erkannte die Gefahr, in die es durch diesen folgeschwerenEntschlufs geraten war; ungeheure Rüstungen wurden gemacht, um die Ver-bindung der beiden Barkiden um jeden Preis zu verhindern, und wirklich ge-lang es, Hannibal durch eine List zu täuschen und Hasdrubal mit seinemganzen Heere bei Sena Gallica zu vernichten.

Text zum Historischen Handatlas.

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