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Der Ausgang des Krieges war nun in der That entschieden. Hannibalwurde jetzt auf Bruttium beschränkt, das wehrlose Spanien fiel in die Händeder Körner. 204 landete Cornelius Scipio in Afrika und zwang dadurch Han-nibal, den Schauplatz sechszehnjähriger Thätigkeit zu verlassen, um seinerVaterstadt zu Hilfe zu eilen. Bei Zama kam es zur Entscheidungsschlacht,die er trotz aller Kunst verlor, und in dem nun folgenden Frieden wurdeKarthago auf das eigentliche Afrika, das ungefähr dem Gebiete des heutigenTunis entspricht, beschränkt. Mit einer weiteren Bedingung, dafs es ohneGenehmigung der Römer keine Kriege führen dürfe, war die Stadt in that-sächliche Abhängigkeit von den Herren am Tiber gebracht. Massinissa, Königvon Numidien, der während des hannibalischen Krieges von Karthago ab-gefallen und zu den Römern übergegangen war, benutzte jetzt die Ohnmachtder Stadt, die gemäfs des Friedensvertrages sich nicht wehren durfte, auf diemutwilligste und unwürdigste Weise, um ihr ein Stück Land nach dem andernabzustehlen oder sie sonst zu schädigen. Klagen in Rom fruchteten nichts, undals die Stadt endlich, nachdem sie fünfzig Jahre lang alle Plackereien und Vexa-tionen geduldig hingenommen, zu den Waffen griff und sich Massinissa wider-setzte, da erklärten die Römer diese That für einen Friedensbruch und ver-langten, nachdem die Punier alle andern Forderungen erfüllt, freiwilligeZerstörung ihrer Stadt. Dessen weigerten sich denn die Karthager, trotzdem,dafs sie fast wehrlos waren, aber nach dreijährigem hartnäckigem Wider-stande ward ihre Stadt, deren Einwohnerzahl auf 700000 Seelen geschätztwird, 146 v. Chr. erstürmt und zerstört, die Bürger, die nicht im Kampfegefallen oder sich selbst getötet hatten, wurden als Sklaven verkauft, dasGebiet, das sie zuletzt besessen, unter dem Namen Afrika zur Provinz gemacht.
Das Königreich Numidien, das durch der Römer Gunst von Kyrenaicabis zum Flusse Muluchath sich erstreckte, war bei aller Vergröfserung tliat-sächlich doch ein römischer Klientelstaat geworden. Schon nach MassinissasTod, welcher noch während der Belagerung Karthagos gestorben war, durftedie Frage der Thronfolge nur durch Vermittelung Scipios erledigt werden.Noch mehr zeigte sich diese Abhängigkeit am Ende des zweiten Jahrhundertsbei dem Streite des Jugurtha mit seinen Vettern, und als Juba I. bei demBürgerkriege zwischen Caesar und Pompejus die Partei des letzteren ergriff,machte Caesar nach erfolgtem Siege 46 v. Chr. das ganze Land zur Provinz.Doch schenkte August 25 v. Chr. Jubas Sohne, Juba II., Mauretanien, das,früher unabhängig, 33 v. Chr. römisch geworden war, als Ersatz. 40 n. Chr.wurde aber König Ptolemaeus bei Anlafs eines Besuches in Rom von KaiserClaudius ermordet; die über diese Gewaltthat empörten Mauretanier erhobensich, und Caligula benutzte ihre Niederwerfung, um sie endgültig dem römi-schen Reiche einzuverleiben.
Zu Seite 16: HISPANIEN.
In den ältesten Zeiten finden wir die Pyrenäenhalbinsel von einemVolke unbekannter Stellung bewohnt, das wir gewöhnlich Iberer nennen,dessen Reste sich in dem kleinen Stamme der Basken am Nord- und Süd-abhange der Westpyrenäen bis auf unsere Tage erhalten haben. Ein gemein-samer nationaler Name fehlt den Iberern; die Bezeichnung, die wir nachdem Vorgänge antiker Historiker ihnen gegeben, ist vom Iberusflufs ge-nommen, sei es nun, dafs der heutige Ebro damit gemeint ist, oder wie K.Müller zu einer Stelle des Avien konjiziert, der Anas, der vor der Keltenein-wanderung gleichfalls Iberus gelieifsen.
Die Wohnsitze der Iberer erstreckten sich zu Anfang der Geschichte weitüber die Pyrenäenhalbinsel hinaus; ein Stamm derselben, die Sorden (Sarden),von dem wir einen Teil in späterer Zeit südlich von Narbonne sefshaft finden,drang früh zu Schiff in Sardinien und nach dem Zeugnis mehrerer Antikenin Sizilien ein, bedrohte nach ägyptischen Inschriften im fünfzehnten Jahrh.v. Chr. die Gestade Libyens: doch ist wahrscheinlich der dabei gebrauchteName ,Schardana‘ allgemeine Bezeichnung für den ganzen Stamm der Iberer.Zu Lande dehnten sich die Wohnsitze der Iberer im Norden bis zur Garonneund dem Rhoneflufs aus, wo sie an Kelten und Ligurer grenzten. In uns un-bekannter Zeit, aber jedenfalls vor dem Zeitalter des Hekatäus sind dieKelten zu Schiff im Norden der Halbinsel eingedrungen, und haben nach undnach einen grofsen Teil derselben besetzt. Die Einwanderung mufs zu Schiffgewesen sein, weil die Kelten Galliens und Ilispaniens während des ganzenAltertums durch eine breite Schicht iberischer Stämme nördlich und südlichder Pyrenäen getrennt blieben und in denjenigen Gegenden der ozeanischenKüste die Einwanderer am dichtesten safsen, welche die geeignetsten Lan-dungsplätze bieten, d. h. in Galläcien und an der Mündung des Tagus. Inden inneren Provinzen finden wir die keltischen Stämme weniger zahlreich,relativ am häufigsten in Alt- und Neukastilien, wo sie sich aber noch in vor-christlicher Zeit mit den Eingeborenen zu einem neuen Volke, das von denRömern seiner Herkunft nach Keltiberer genannt wurde, verschmolzen.Bätika und die spanischen Landschaften des Mittelmeeres zu besetzen istden Kelten nicht gelungen, vermutlich infolge der höheren Kultur und Wider-standskraft, die diese durch den Verkehr mit den Pliönikiern gewonnen hatten,welche seit der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. hier Ansiedelungenerrichtet. Diese behaupteten ihre Unabhängigkeit, — denn die Phönikierscheinen keine oder nur unwesentliche Landbesitzungen in Iberien gehabt zuhaben, — und erst seit dem Ende des sechsten und Anfänge des fünftenJahrhunderts v. Chr., als die Karthager den Westen des Mittelmeeres in ihreHände zu bringen suchten, kam die Küste Bätikas in deren Besitz. DasBinnenland zu erwerben, gelang ihnen, deren ganze Kraft jahrhundertelangmit den Versuchen, Sizilien zu erobern, verschlungen wurde, für jetzt nochnicht. Sobald jedoch der erste punische Krieg beendet war, in welchem dieKarthager alle ihre sizilisclien Besitzungen definitiv verloren hatten, beschlofsihr Feldherr Hamilkar Barkas die ganze iberische Halbinsel, die durchihren Reichtum an Edelmetallen, die Fruchtbarkeit des Bodens, die Zahl unddie Tapferkeit ihrer Bewohner unerschöpfliche Hilfsmittel an Geld undTruppen besafs, zu unterwerfen und in ihr einen Ersatz für das verloreneSizilien zu suchen. 236 v. Chr. setzte er mit einem ansehnlichen Heere überdie Strafse von Gades und es gelang ihm auch im Laufe von neun Jahreneinen grofsen Teil Iberiens zu bezwingen. Sein Nachfolger Ilasdrubalsetzte die Ausbreitung der karthagischen Herrschaft mit Glück fort, — wiees scheint, meist auf friedlichem Wege; doch nötigten ihn die Römer, dieauf den so raschen Machtzuwachs ihrer Gegner eifersüchtig waren, zu dem\ ersprechen, seine Erwerbungen nicht auf die Provinzen nördlich vom Ebroauszudehnen, das er dann unter der Bedingung gab, dafs die Römer hin-wiederum sich verpflichteten, in diesen Landschaften nicht selber festen Fufszu fassen und vor allem die Unabhängigkeit der griechischen Städte Spanienszu wahren. Über die Auslegung dieses Vertrags gab es aber nach einigen
Jahren Streit. In Sagunt, einer iberischen Stadt, in welcher zahlreichemassilische Kolonisten sich aufhielten, brachen Unruhen zwischen den beidenNationalitäten aus; die Griechen siegten und vertrieben die Eingeborenenaus der Stadt, die nun hilfesuchend sich an Hannibal wandten, welcher nachIlasdruhals Tod das Oberkommando über die karthagische Armee übernommenhatte. Als Hannibal Gewalt gebrauchen wollte, erklärten die ersteren, sounerhört diese Auslegung auch sein mochte, unter dem Schutze des Hasdru-balisclien Vertrages zu stehen, der den Griechen Spaniens Unabhängigkeitgarantiere, und der römische Senat, froh, einen Vorwand zu finden, der kar-thagischen Machtentfaltung Einhalt zu thun, trat dieser Auffassung bei.
In dem nun folgenden Kriege schickten die Römer eine ansehnlicheArmee nach Spanien, anfangs um Hannibal hier aufzuhalten, dann als dieser,ihnen zuvorkommend, auf dem Landweg in Italien eingefallen war, um ihmdie notwendigen Hilfsmittel zu entziehen. Der Erfolg entsprach ihren Wün-schen. Es gelang ihnen, die karthagischen Truppen, deren Obhut die Halb-insel anvertraut war, mehrmals entscheidend zu schlagen und einige Völker-schaften zum Abfall von den bisherigen Herren zu bewegen. Dadurchmutig gemacht, teilten sie 212 v. Chr. ihre Armee, um dem Feinde von zweiSeiten gleichzeitig beizukommen; beide Ileeresabteilungen büfsten aber diesenFehler mit dem Untergange. Dennoch heftete sich der Erfolg bald wiederan die Fersen der Römer. 210 v. Chr. ward der junge Cornelius Scipio miteiner neuen Armee nach Spanien gesandt; mit bewundernswerter Kühnheitunternahm es dieser alsbald, den Hauptsitz der karthagischen Macht, Kar-thago Nova zu überfallen. Unvermutet griff er dieselbe zu Wasser und zuLande an, und an einem einzigen Tage fiel dieses wichtige Bollwerk mitungeheuren Massen von Waffen und Kriegsvorräten in seine Hände. 209schlug er Hasdruhal hei Bäcula, und als dieser im folgenden Jahre mit dembesten Teile seiner Truppen von Spanien nach Italien abzog, um dort seinemBruder zu helfen, dessen Siegeslauf in bedenkliches Stocken gekommen war,da verjagte Scipio mit leichter Mühe den Rest der karthagischen Besatzungenaus der Halbinsel 206 v. Chr., welche von nun an in ihrer Süd- und Ostküsterömische Provinz war. 197 ward sie als Hispania citerior und ulterior ein-gerichtet.
Die Unterwerfung der Bewohner des Mittel- und Westlandes nahmfreilich noch längere Zeit, über anderthalb Jahrhunderte, in Anspruch. Amtapfersten wehrten sich die Keltiberer und Lusitanier; die Verteidigung vonNumantia und die Thaten des kühnen Viriathus, der nur durch Verrat undMord überwältigt werden konnte, sind Leuchtpunkte in der Geschichte desalten Hipaniens. Cäsar war es, der 60 v. Chr. die Völker nördlich vom Tagusbezwang, und Augustus fügte 25—19 v. Chr. die Asturer und Cantabrerhinzu. Kurz vorher (27 v. Chr.) hatte der letztere Hispania ulterior in zweiProvinzen Bätika und Lusitania geteilt.
Durch Anlegung zahlreicher Kolonien und Erbauung von Landstrafsen,mit denen die eroberten Distrikte alsbald nach ihrer Bezwingung bedecktwurden, gelang es den Römern die Pyrenäenhalbinsel bald zu romanisieren;schon in Strabos Zeit sprach man in Bätika und dem Süden von Tarraco-nensis überwiegend lateinisch; Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. hattedie römische Weltsprache ihren Einzug auch in die ferneren Gebirge gehalten.Infolge des andauernden Friedens entwickelte sich die Halbinsel zu einer derblühendsten Provinzen des Reiches, in der Handel und Industrie, Kunst undWissenschaft gleichmäfsig gepflegt wurden, die zahlreiche hervorragendeMänner hervorgebracht hat, die in Rom Einflufs erlangt, so den PhilosophenSeneca, die Dichter Lucan und Silius, den Geographen Pomponius Mela;selbst die Kaiser Trajan und Hadrian entstammen Kolonistenfamilien ausItalika in Bätika. Erst die Völkerwanderung, die für Spanien 409 n. Chr.mit dem Einfalle der Alanen, Sueven und Vandalen anhob, hat dieser mäch-tigen Entwickelung ein Ende gemacht.
Zu Seite 16: GALLIEN.
Mit den Nebenkarten: Gallia zur Zeit Casars. Casars Belagerung
von Alesia.
Gallien im engeren Sinnfe hiefs bei den Römern das schöne von dreiMeeren bespülte Land zwischen Rhein und Pyrenäen, genannt nach demVolke, das den gröfsten Teil desselben während des ganzen Altertumes innegehabt hat. In der Zeit, da unsere Nachrichten über die westlichen VölkerEuropas beginnen, war der Süden Galliens noch von Iberern und Ligurernbewohnt, die der Rhoneflufs schied. Erst zu Ausgang des fünften Jahrhundertsv. Chr. drangen Kelten im Rhonethal ein, warfen die Ligurer in die Alpen,die Iberer nach Westen, und als die neugewonnenen Wohnsitze ihrer Volks-zahl immer noch nicht genügten, setzte ein Teil von ihnen nach kurzer Rastden Eroberungszug nach Italien fort.
In den Kreis der uns glaubhaft überlieferten Geschichte ist das Land,das unsere Karte darstellt, etwa um 600 v. Chr. eingetreten, als jonischeKolonisten an der ligurischen Küste an einer für den Seeverkehr günstigenStelle die Stadt Massilia gründeten. Trotz der Hindernisse, die nicht nurdie Eingeborenen, sondern auch die Karthager und Etrusker der neuen An-siedelungbereiteten, blühte dieselbe dennoch rasch auf, dank der frischen Kraftder Ankömmlinge, und als diese Nachzug von zu Hause erhielten, vermochtensie ihr Gebiet bald wesentlich auszudehnen und an den Gestaden östlich undwestlich der neuen Heimat eine Reihe von eigenen kleinen Pflanzstätten an-zulegen. In das Innere des Landes sind die Griechen aber nicht eingedrungenund so erfahren wir aus der früheren Zeit nur dürftiges über die Zuständeund die Völkerschaften der vom Meere entfernteren Gegenden. Erst beiGelegenheit des Durchmarsches Ilannibals bei seinem Zuge nach Italien 218v. Chr. werden uns die Namen einiger binnenländischen Stämme genannt,aber selbst nach Einrichtung der Provincia Narbonensis (121 v. Chr.) wissendie antiken Geschichtsschreiber und Geographen nichts Sicheres zu berichtenüber das, was jenseits dieser schmalen Küstenlandschaft lag; der Handels-verkehr zwischen Nord- und Südgallien war gering, und die Niederhaltungder Volker, Allobroger und Ligurer machte den Römern so viel zu schaffen,dafs sie wenig Lust verspürten, ihr Machtgebiet hier zu erweitern; sie warenzufrieden, eine feste Verbindung zwischen Spanien undltalien erreicht zu haben.
Das alles wurde anders, als Cäsar 59 v. Chr. die beiden Gallien (Cisal-pina und Transalpina) mit Dalmatien und Istrien, vorerst auf fünf Jahre, alsprokonsularische Provinz erhielt. Er wollte sich durch glänzende Kriegszügeein ergebenes Heer bilden, um auf den Gang der Ereignisse in Rom miterhöhtem Nachdruck einwirken zu können. Und da gleichzeitig die Helvetier,ein keltisches Volk, in der Gegend der heutigen Schweiz den Versuch machtenihre bisherigen Wohnsitze zu verlassen und neue, mehr im Süden gelegen,sich zu erobern, so ergriff er die Gelegenheit als Beschützer der bedrohten