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Gallier aufzutreten, schlug die Helvetier mehrmals entscheidend und zwangsie, bez. das in diesen Kämpfen übrig gebliebene Drittel von ihnen, in diealte Heimat zurückzukehren. Im selben Jahre schlug er den germanischenFürsten Ariovist, der, von den Äduern gegen die Arverner und Sequaner zuHilfe gerufen nach erfolgtem Siege nicht mehr nach Deutschland zurück-kehren wollte, sondern ganz Gallien mit seiner Herrschaft bedrohte, undzwang auch ihn und seine Scharen über den Rhein zurückzugehen.
Durch solche Erfolge war Casars und der Römer Einflufs bereits grofsunter den Galliern, aber aus den Befreiern waren unvermerkt Herren ge-worden ; kämpften die Gallier bis jetzt mit den Germanen um ihre Freiheit,so mufsten sie es jetzt mit den Römern tliun, wenn sie nicht die unvermerktüberkommene Suprematie geduldig ertragen wollten. Die Belgier erhobensich zuerst, 300 000 Mann stark rückten sie gegen die zu einer römischenFestung gewordene Stadt Bibracte; aber die höhere Kriegskunst, und diesorgfältigere Bewaffnung siegte auch hier über undisziplinierte wilde Tapfer-keit; mehrere belgische Völkerschaften — so die Nervier und Aduatucer —wurden fast ganz aufgerieben; alle übrigen, deren Grenzen Cäsar betrat,unterwarfen sich. Es fehlten jetzt nur noch die Küstenlandschaften amKanal und Ozean, dann war ganz Gallien römisch geworden. Auch dieserAufgabe erledigten sich Cäsar und seine Legaten in einem Jahre (56 v. Chr.)mit grofsem Geschick; gegen die Veneter ward dabei mit rasch erbautenSchiffen eine Seeschlacht geschlagen, — die erste auf dem atlantischen Ozeanvon der die Geschichte weifs, — und dadurch das Übergewicht auch aufdem Meere hergestellt. Um die Pazifizieruug des in so überraschend kurzerZeit bezwungenen Landes zu beschleunigen und der Unterstützung, die dieBarbaren teils von den Germanen jenseits des Rheins, teils von den KeltenBritanniens bei ihrem Widerstande erhalten hatten, zu berauben, unternahmCäsar jetzt (55 v. Chr.) eine Expedition aufs rechte Rheinufer und einezweite über den Kanal, weniger um diese Landschaften zu erobern, als umihren Bewohnern soviel Respekt vor seinen Waffen einzufiöfsen, dafs sie sichder Einmischung in seine Pläne enthielten. Diese Unternehmungen wieder-holte Cäsar 54 und 53 v. Chr., und erreichte im ganzen seinen Zweck.
Casars Werk war so vollendet; Gallien war bezwungen und die Nach-barn, die ein Interesse an dessen Selbständigkeit hatten, geschreckt; aber„es ist oft leichter, eine freie Nation zu unterwerfen, als eine unterworfenein Botmäfsigkeit zu erhalten.“ Zuerst erhoben sich die Treverer, Eburonenund Nervier, der Aufstand ward jedoch bald blutig niedergedrückt. Alsjedoch Cäsar in die Winterquartiere an den Po zog, und gleichzeitig derKonflikt zwischen ihm und Pompejus sich so zuspitzte, dafs der Ausbrucheines Bürgerkrieges für nahe bevorstehend erachtet werden konnte, da em-pörten sich die Gallier noch einmal. Sie sammelten sich um den tapferenVercingetorix, der sich zum König der Arverner hatte ausrufen lassen;sie hofften Cäsar, falls diesen je die Verwickelungen in Rom nicht dauerndfesthalten sollten, an der Vereinigung mit seiner Armee, die im Norden ihresLandes in Quartieren lag, verhindern zu können. Der schlaue Römer freilichtäuschte ihre Erwartung; mit wenigen Begleitern schlug er sich zu seinenLegionen durch. Trotzdem begann Vercingetorix, unterstützt von der Mehr-zahl seiner Stammesgenossen, den Befreiungskampf; anfangs errang er an-sehnliche Erfolge; denn aber, als der Kampf um die Verteidigung von Alesiaimmer mehr sich konzentrierte, kam er in Nachteil. Ein gallisches Ersatz-heer ward geschlagen, so mufste er denn notgedrungen kapitulieren (51 v.Chr.). Fünf Jahre später ward er in Rom im Triumph aufgeführt und vonden erbarmungslosen Siegern hingerichtet. Nach der Niederlage ihres Führerszerstreuten sich die Insurrektionsheere; vereinzelte Gaue setzten den Wider-stand noch kurze Zeit fort, dann wurden auch sie erdrückt, und die allge-meine Erschöpfung war so grofs, dafs erneute Versuche, die verliafste Fremd-herrschaft abzuschütteln, jetzt kaum mehr unternommen wurden. Nur unterTiberius kam es noch einmal zu einem allgemeineren Aufstand.
In den nun folgenden langen Jahren der Ruhe und des Friedens blühteGallien wieder auf; die Barbaren zeigten ein überraschendes Verständnisfür alle Einrichtungen, die von Seiten der Sieger getroffen wurden, um diegeistige Ausbildung der Unterworfenen zu heben, Künste und Wissenschaftenfanden in Gallien dauernde Stätte; das Land selbst wurde rasch romanisiert,und fühlte sich, zumal seit das ganze Volk das Bürgerrecht erhalten, balddurch ein Interesse mit Italien verbunden. Dieser glückliche Zustand bliebmehrere Jahrhunderte ungeschwächt bestehen. Erst im vierten Jahrhundertn. Chr. durch die immer häufiger werdenden Einfälle der Germanen undinnere Zwistigkeiten begann der Verfall, der im fünften Jahrhundert durchdie Völkerwanderung seinen Höhepunkt erreichte und mit der Auflösung derrömischen Herrschaft endete. Diese Kämpfe werden S. 21 ff. beschriebenwerden.
Eingeteilt war Gallien seit 27 v. Chr. in vier Provinzen:
1) Narbonensis von Tolosa bis Vienna, Genava und die Quellen desRhone reichend;
2) Aquitanien, das alles Land zwischen dem Liger, Lugdunensis und denPyrenäen umfafste,
3) Lugdunensis zwischen Liger und Sequana,
4) Belgica, welches vom Rhein und Lugdunensis begrenzt war, undaufser den Beigen auch die Sequaner und Helvetier umfafste.
Im Jahre 9 n. Chr. wurde von Belgien das von Deutschen bewohnteGebiet, sowie das der Helvetier, Sequaner und Lingonen abgezweigt und ausdiesen Gauen zwei neue Provinzen gemacht, Germania Superior und Inferior,die bei Rheinbrohl an einander stiefsen. Die Grenze Obergermaniens gegenBelgien, die bis in die jüngste Zeit ganz unsicher war, konnte in unseremAtlas, da die betreffenden Tafeln schon längere Zeit hergestellt waren, nichtmehr nach den neuesten Forschungen gezeichnet werden.
Zu Seite 17 und 18: GERMANIEN.
Die Rheinlande zur Zeit der Römer.
Unter Germanien verstanden die Römer alles Land östlich vom Rheinund nördlich von der Donau bis zur Weichsel und dem Gebiet der Wendenund Aestuer im Osten. Einen einheitlichen, einheimischen Namen hat das-selbe während des Altertums nicht besessen; das Wort,Germanen 1 ist ver-mutlich keltischen Ursprungs und bedeutet am wahrscheinlichsten ,die Nach-barn 1 ; früher übersetzte man es vielfach nach dem Vorgang H. Leos mit,Rufer im Streit 1 .
Als die Römer Germanien kennen lernten, war das Land keineswegsausschliefslich von Deutschen bewohnt. In der norddeutschen Ebene undden mitteldeutschen Bergen mag unser Volk schon früh eingezogen sein,obwohl die Thatsache, dass die Namen der meisten hier vorkommenden Ge-
birge und Flüsse keltischen Ursprungs sind, zeigt, dafs auch diese nörd-lichen Gegenden einstens von den späteren Nachbarn bewohnt waren. Wirhaben aber Grund zu glauben, dafs der Wechsel vor Pytheas, d. h. vordem vierten Jahrh. v. Chr. eingetreten ist. Süddeutschland ist bis in daszweite und erste Jahrh. v. Chr. noch ganz von Kelten bewohnt geblieben:im Schwarzwald, am Neckar bis nach Mittelfranken safsen Helvetier; inNiederfranken Turonen; in Böhmen die Boier, die trotz ihrer späterenVertreibung durch die Markomannen diesem Landstrich ihren Namen be-lassen haben; in Mähren safsen Volcen, ein Volk, das wanderlustigeStammesgenossen in Südfrankreich wie im fernen Kleinasien besafs; im Nor-den Rätiens, in Schwaben und Baiern safsen Vindelicier; in Noricum,d. i. Ober- und Niederösterreich, Alaunen und Tauriscer.
Erst die grofse Völkerbewegung, die auch die Cimbern und Teutonenvon Dänemark und Schleswig-Holstein aus nach Süden trieb, hatte zum Er-gebnis, dafs die Deutschen die Donaugrenze erreichten; aber auch jetzt nochblieben in Südwestdeutschland noch manche gallischen Stämme sitzen, undwurden erst nach der Zeit des Ptolemseus germanisiert.
Im ersten Jahrh. v. Chr. überschritten deutsche Stämme den Rhein;manche liefsen sich in Gallia Belgica nieder; Ariovist, ein mächtiger suevi-scher Fürst, von Galliern gegen Galliern zur Hilfe gerufen, unterwarf sicheinen grofsen Teil des nordöstlichen Frankreichs; bereits hatten 120000Krieger, die unter ihm dienten, den Rhein überschritten; da wurde er abervon Cäsar seiner Eroberungen beraubt, und mit seinen Truppen über denFlufs zurückgetrieben.
Die fortwährende Beunruhigung, die Gallien von den kriegslustigen undbei ihrer starken Volkszahl neue Wohnsitze suchenden Germanen zu erleidenhatte, veranlafste die Römer bald, nachdem sie die Grenze ihres Reiches bisan den Rhein vorgeschoben, aggressiv gegen die anstofsenden Stämme vor--zugehen. Nach einigen minder ernsthaften Versuchen, die Cäsar und Agrippagemacht, begann Drusus im Jahre 12 v. Chr. die Länder zwischen Rhein undElbe zu unterwerfen, und als dieser im Jahre 9 v. Chr. infolge eines unglück-lichen Sturzes gestorben war, übernahm sein Bruder Tiberius die Aufgabe,der sie auch bis zum Jahre 4 n. Chr. glücklich durchführte.
Aber schon nach fünf Jahren schüttelten die freiheitsliebenden Ger-manen das fremde Joch unter Anführung des Cheruskerfürsten Arminius ab,und es gelang den Römern trotz wiederholter Bemühungen in Norddeutsch-land nur Holland und einen schmalen Streifen am Rhein auf die Dauer zu be-halten. Mit diesem Landstrich wurde ein Teil des linken Rheinufers, dervon Belgica abgetrennt wurde, vereinigt (9 n. Chr.), weil die germanischen 1Legionen von jetzt an ihr Hauptquartier doch meist auf dem linken Uferhatten, und es unratsam erschien, die administrative Gewalt von der militä-rischen zu trennen.
Ward so am Unterrhein die Fremdherrschaft auf einen dünnen Land-strich beschränkt, so erweiterten die Römer am Oberrhein dagegen ihrMachtgebiet um ein gut Stück, indem sie die durch den Abzug der Keltenhalb verödet gewordenen Gegenden am Schwarzwald, Neckar und Main unterden Flaviern besetzten, und bald nachher durch einen grofsen Wall, den sievon Koblenz bis zum Einflufs der Altmühl in die Donau zogen, schützten.In der neuen Eroberung behaupteten sich auch die Römer bis auf AlexanderSeverus ganz leidlich; sie gründeten Kolonien und bauten Strafsen, und zahl-reiche Funde in Württemberg und Baden beweisen, dafs auch die Künsteund die Industrie ihren Weg in die bisher unwirtlichen Berge und Thäler ge-funden haben. Seit Beginn des dritten Jahrhunderts n. Chr. aber wurden dieGrenzwälle von den Germanen, hauptsächlich Alemannen, mehrmals über-schritten; anfangs gelang es sie wieder zurückzutreiben; noch Kaiser Probus(276—282) stellte die Grenze im alten Umfang wieder her; nach ihm abervermochte sie nicht mehr gehalten zu werden. Schon hatten die Deutschenwieder angefangen, die Wege nicht blofs nach Galliens reichen Städten, son-dern nach Italien zu suchen und Italien selbst zu erschrecken; bald sehenwir die Kaiser genötigt, ihre Residenz meist an die germanische Grenze zulegen, weil sie ihre und des Reiches ganze Kraft auf die Zurückweisung derBarbaren wenden müssen.
Julian und Valentinianl. waren noch einmal so glücklich, durch List undGewalt die Rheingrenze auf ein paar Jahre zu sichern; seit 406 ist dieselbeaber nicht mehr zu halten; Franken und Alemannen, Sueven, Vandalen,Burgunder zogen in unermefsliclien Scharen über dieselbe, um raubend undplündernd die römischen Provinzen des Westens der Reihe nach anzufallenund dem Weltreiche, das ihre Ahnen einst hatte zu Knechten machen wollen,ein Ende zu bereiten.
Zu Seite 17:
DIE UNTEREN DONAULÄNDER ZUR ZEIT DER
RÖMER.
Lediglich um sich vor den Seeräuberzügen zu schützen, die die Be-wohner der Küsten und Inseln Dalmatiens im adriatischen Meere im drittenJahrh. v. Chr. in immer keckerer Weise ausführten, als ob es keine griechi-schen Seemächte und keine römische Republik mehr gäbe, sind die Herrenam Tiber 229 v. Chr. und dann noch einmal 219 veranlafst worden, eineExpedition auszurüsten, und die Inseln Pharus und Issa mit dem umliegendenKüstenland und einigen kleineren Inseln in ihre Gewalt zu bringen. Ausdemselben Grunde sind 178—177 die Istrier bezwungen worden. Erst 168v. Chr. ist ein gröfserer Teil Illyriens von den Römern abhängig geworden,als König Gentliius von Scodra, der den ganzen Süden der späteren Provinzbesafs, im dritten makedonischen Kriege sich auf die Seite des Königs Per-seus stellte. Nach dem unglücklichen Ausgange des Kampfes wurde seinReich in drei Teile zerstückt und tributpflichtig. Die nördlichen Küstenwurden 156—155 unterworfen. Bei der wilden Ungebundenheit der immervon neuem aufständischen Bewohner und der Unergiebigkeit des Bodens,den sie bewohnten, spürten die Römer wenig Imst, die Erwerbung des Bin-nenlandes durchzusetzen, und so ist dieses erst unter Cäsar ihrem Reicheeinverleibt worden. Als die Illyrier 35 v. Chr. eine neue Empörung machten,wurde nach deren Bezwingung, wie Cassius Dio sagt, blofs um die Truppenin Übung zu erhalten, auch Pannonien, das, von Illyriern und Kelten dünnbevölkert, keinen ernsthaften Widerstand zu leisten vermochte, erworben unddie Reichsgrenze bis an die Donau vorgeschoben. Diesen Flufs auch wei-terhin zu gewinnen, war nach diesem Erfolge das naturgemäfse Bestrebender nächsten Jahre, und schon 29 v. Chr. konnte das weite Gebiet zwischenBalkan und Donau, ohne dafs es langwieriger Kämpfe bedurft hätte, alsProvinz unter dem Namen Mösien (nach dem Volke der Mysier, Mösier sobenannt) eingerichtet werden.
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